Wenn Eltern altern

Wieso redet Mutter so wirres Zeug?“, fragte sich Bettina Gabler (Name von der Redaktion geändert) erschrocken, als ihre Mutter ihr im September 2004 erzählte, der Nachrichtensprecher im Fernsehen habe sich mit ihr unterhalten. Die beiden wohnen im selben Haus in einer Kleinstadt in der Eifel: Die 52-Jährige wohnt mit ihrem Ehemann im ersten Stock, ihre 83-jährige Mutter im Erdgeschoss. Lange kam die Rentnerin im Alltag gut allein zurecht. Doch an jenem Tag wurde der Tochter klar, dass dies bald anders werden könnte. „Von da an bin ich nicht mehr zur Ruhe gekommen“, erzählt Bettina Gabler. Die lange verdrängte Frage „Was wird werden, wenn Mama nicht mehr kann?“ stand plötzlich riesengroß im Raum.
Mit dieser Frage sehen sich fast alle Familien früher oder später konfrontiert. Ein heute 60-jähriger Mann kann damit rechnen, 80 Jahre alt zu werden, gleichaltrige Frauen erreichen im Schnitt sogar 84 Jahre – und die Lebenserwartung steigt weiter. Ein erfreulicher Trend, doch je älter die Eltern werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie auf dauerhafte Hilfe angewiesen sind. Denn ab 80 Jahren steigt die Pflegebedürftigkeit sprunghaft an. Nur knapp 10 Prozent der Deutschen zwischen 75 und 80 Jahren benötigen Hilfe im Alltag, aber 41 Prozent der 85- bis 90-Jährigen. Gefragt ist dann zumeist der größte Pflegedienst der Republik: die Familie. Von den über zwei Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden rund 1,43 Millionen zu Hause versorgt, eine knappe Million davon ausschließlich durch Angehörige. Niemand kann Sie verpflichten, die Pflege Ihrer Eltern zu übernehmen. Der Gesetzgeber verlangt jedoch, dass Sie, wenn nötig, finanziell für Vater und Mutter einstehen. Wie viel Elternunterhalt Sie zahlen müssen, hängt von Einkommen und Vermögen ab.
FRÜHZEITIG DAS GESPRÄCH SUCHEN
Obwohl also die meisten damit rechnen müssen, dass die eigenen Eltern hinfällig werden, sprechen die Generationen kaum über dieses Thema. „Ich dachte, ich bin keine gute Tochter, wenn ich das anspreche“, erinnert sich Bettina Gabler. Für sie war es selbstverständlich, dass sie sich im Ernstfall um ihre Mutter kümmern würde. Doch wie das angesichts ihrer Vollzeitstelle und ihrem Wunsch, auch weiterhin ein eigenes Leben zu führen, aussehen könnte, das hatten die beiden Frauen nie geklärt. „Die meisten älteren Menschen legen allergrößten Wert auf ihre Selbstständigkeit und wollen die Kinder nicht belasten“, erklärt die Psychologin Marianne Künzel-Schön, Professorin am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Wiesbaden. „So lange wie möglich behaupten viele Senioren deshalb, den Alltag noch gut im Griff zu haben.“ Die Altersforscherin rät, das Gespräch zu suchen, noch bevor die Eltern die eigene Wohnung oder die Körperpflege vernachlässigen oder öfter mal vergessen, den Herd auszuschalten. „Gewohnte Fähigkeiten zu verlieren kann sehr verletzend sein“, erklärt Künzel-Schön. „In dieser Situation von den eigenen Kindern darauf angesprochen zu werden wird oft als zusätzliche Kränkung erlebt. Das macht ein solches Gespräch noch schwieriger.“ Setzen Sie sich also so früh wie möglich als Familie zusammen. „Lass uns überlegen, was ich für dich tun könnte und was du brauchen wirst“, empfiehlt die Expertin als Einleitung für eine solche Aussprache. Bleiben Sie hartnäckig, auch wenn Ihre Eltern erst einmal ablehnend reagieren. Die kategorische Erklärung des Vaters „Ich gehe nicht ins Heim!“ kann nicht das Ende der Diskussion sein. „Sie sollten dann ganz klar sagen: ,Vater, wer soll es machen? Ich kann es nicht. Lass uns überlegen, wie wir das regeln können‘“, empfiehlt Künzel- Schön. Beziehen Sie Ihren Partner oder Ihre Geschwister in alle Gespräche mit ein. Klären Sie untereinander, wer welche Aufgaben übernehmen könnte. Scheuen Sie sich dabei nicht, auch das für viele schwierige Thema Finanzen anzuschneiden. Der nächste Schritt könnte ein gemeinsamer Besuch bei einer Altenberatungsstelle der Kommune sein, um sich über Kosten und Hilfsangebote ein Bild zu machen und Ängste abzubauen. Die Situation erst dann zu regeln, wenn Vater oder Mutter plötzlich – etwa nach einem Schlaganfall – nicht mehr alleine zurechtkommen, verursacht enormen Stress für alle Beteiligten. So erging es auch Bettina Gabler, als sie ihre Mutter eines Morgens im Frühjahr 2005 mit einer Platzwunde am Kopf in der Küche fand – die alte Dame war schwer gestürzt. Danach stand für die Tochter fest, dass ihre Mutter auch tagsüber nicht mehr allein bleiben konnte. „Es ist für mich kein Problem, meine Mutter zu waschen, sie zu füttern oder mal die halbe Nacht an ihrem Bett zu sitzen“, erklärt die 52-Jährige. „Das mache ich gerne.“ Ihren Beruf jedoch wollte sie nicht aufgeben. Sie entschied, ungelernte Hilfskräfte auf Honorarbasis zu beschäftigen, die sie in der Betreuung entlasten. Anfangs lehnte ihre Mutter die fremden Helferinnen strikt ab, und Bettina Gabler kämpfte mit Schuldgefühlen. Mittlerweile klappt diese Lösung aber gut.
PFLEGE – NOCH IMMER SACHE DER TÖCHTER
Wie bei Familie Gabler sind es meist die Töchter, die den Löwenanteil der Pflege übernehmen. „Man unterstellt den Frauen, dass sie geschickter bei pflegerischen Tätigkeiten wie Verbandswechsel oder Ähnlichem und der Unterstützung bei der Körperpflege sind“, sagt Expertin Künzel- Schön. Mehr als ein Drittel der Pflegebedürftigen braucht rund um die Uhr Unterstützung. Auch deshalb werden 61 Prozent der Über-80-Jährigen von Töchtern und Schwiegertöchtern, aber nur 4 Prozent von Söhnen gepflegt. „Viele Frauen verdienen ja nach wie vor eher ein Zubrot und sind nicht die eigentlichen Ernährerinnen der Familien“, erklärt die Expertin. Fast immer haben die pflegenden Frauen zusätzlich eigene Familien zu versorgen und geraten so in eine Zwickmühle zwischen zwei fordernden Parteien. „Der hohe Zeitaufwand, den die Pflege erfordert, ist einer der Hauptstreitpunkte in Partnerschaften“, warnt Diplompsychologin Helga Käsler-Heide aus Tübingen und Autorin des Buches Wenn die Eltern älter werden. Bevor Sie also die Pflege der Eltern übernehmen, besprechen Sie das gründlich in der eigenen Familie. Reservieren Sie auf jeden Fall feste Zeiten ausschließlich für Partner und Kinder. Und geben Sie ihnen die Chance, eigene Bedürfnisse und Bedenken offen anzusprechen. „Dafür kann eine wöchentliche Familienkonferenz sehr hilfreich sein“, rät Käsler- Heide.
TAUSCHEN SIE NICHT DIE ROLLEN
So schwierig es für alternde Eltern ist, ihre Selbstständigkeit einzubüßen, so schwierig ist es für Kinder, die neue Situation zu akzeptieren. Das erlebte auch Ilse Biberti. Die Berliner Drehbuchautorin und Schauspielerin zog 2005 in die Wohnung ihrer Eltern, weil ein Schlaganfall das Sprachzentrum ihrer 85-jährigen Mutter zerstört hatte und ihr 87-jähriger Vater kurz darauf an Alzheimer erkrankte. Biberti setzte alles in Bewegung, um ihrer Mutter gute Rehabilitationsmaßnahmen zukommen zu lassen, besorgte Therapeuten und eine Haushaltshilfe. Erst mit der Zeit begriff sie, dass ihre Eltern nie wieder so sein würden wie früher. „Ich haderte lange damit“, sagt sie. „Kein Kind möchte seine Eltern leiden sehen.“ Viele empfinden die veränderte Beziehung als Rollentausch. Tochter und Sohn beraten Vater und Mutter, treffen für sie Entscheidungen, managen den Haushalt. Manche fühlen sich dann wie Eltern der eigenen Eltern. Ein Trugschluss: „Die Eltern werden nicht zu Kindern“, betont Professorin Marianne Künzel-Schön. Bleiben Sie also respektvoll, und übergehen Sie die Entscheidungen der älteren Generation nicht unbedacht. „Auch wer körperlich und geistig schwächer wird, hat ein Recht auf eine eigene Meinung, will und darf selbst entscheiden, was ihm schmeckt, wann er zu Bett gehen möchte und womit er sich beschäftigen will.“ Es bleibt das Leben Ihrer Eltern, auch wenn Sie nun viel Verantwortung darin übernehmen.
ÜBERFORDERN SIE SICH NICHT
Wer, wenn die Krise da ist, die Unterstützung der Eltern übernimmt, sollte nach einiger Zeit die Situation neu überdenken. „Im Ausnahmezustand werden Kräfte im Körper mobilisiert, um die Situation zu bewältigen“, erläutert Künzel-Schön. Das hilft Ihnen anfangs, enorm viel Arbeit für Vater und Mutter zu leisten. Dauert der Ausnahmezustand an, müssen Sie mit Ihren Kräften haushalten: Fordern Sie die Unterstützung Ihrer Angehörigen ein. Nehmen Sie wo immer möglich professionelle Hilfe im Haushalt und bei der Pflege in Anspruch. Ein solcher Pflegemix hilft, die Betreuung der Eltern dauerhaft durchzuhalten. „Viele wissen nicht, dass die durchschnittliche häusliche Pflegezeit in Deutschland knapp zehn Jahre beträgt“, erklärt Sozialpädagogin Gabriele Tammen-Parr, Projektkoordinatorin der „Beratungs- und Beschwerdestelle bei Gewalt und Konflikt in der Pflege älterer Menschen“ des Diakonischen Werkes Berlin- Stadtmitte. Wer sich auf Dauer überfordert, braucht die eigenen Reserven auf und riskiert, aggressiv zu werden. Aufgestaute Aggressionen brechen sich oft in Geschrei, Abwertung und Demütigung Bahn, das erfährt Tammen-Parr immer wieder am Beratungstelefon. „Wichtigstes Warnzeichen ist eine dauernd gereizte Stimmung“, berichtet die Expertin. „Halten Sie inne, und fragen Sie sich: ‚Möchte ich die Pflege noch durchführen?‘ Diese Frage dürfen Sie sich jeden Tag neu stellen.“ Oft spielen ungeklärte Beziehungskonflikte eine Rolle. „Da ist die versteckte Hoffnung von Kindern, durch die Pflege doch noch Liebe zu erhalten“, berichtet Tammen-Parr. „Verabschieden Sie sich von diesen Erwartungen!“ Es darf kein Tabu sein, die Pflege abzugeben und außerhalb der Familie zu organisieren: „Andere Lösungen können ehrlicher und gesünder sein und eine Eskalation verhindern“, erklärt die Sozialpädagogin.
BEHALTEN SIE DAS POSITIVE IM BLICK
Die betagten Eltern zu versorgen ist oft harte Arbeit, und doch können Sie aus Ihrer neuen Rolle auch viel Positives ziehen. Ilse Biberti erlebt die intensive Unterstützung der beiden vertrauten Menschen als innerlich bereichernd. „Das Schönste ist, dass wir eine Familie sind, die durchaus kontrovers, aber liebend miteinander umgeht“, bilanziert sie. Alle drei haben gelernt, den anderen so zu belassen, wie er ist. Ausgerechnet im belastenden Pflegealltag ist ein Lebensmotto in ihr herangereift: „Immer auch das Schöne sehen und es tun!“ Das zu lernen, sagt Ilse Biberti, war ein Stück Erwachsenwerden.
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2 Kommentare |
| Portmann Kaethy on 05 Januar 2012 ,14:22 Guten Tag Wie man ein „Life-book“ erstellt und wie hilfreich es sein kann für Patient und Betreuende, liest man im unten erwähnten Buch. Das fühlen von Geborgenheit und des Glücklich seins, sowie einer gute Betreuung hängt oft davon ab, wie dem Pflegepersonal die Gewohnheiten des Klienten übermittelt wurden. von Seneca : nicht wer viel hat ist glücklich, sondern wer wenig wünscht. Im Buch „ in Würde älter werden „ beschreibt Sophie-Marie mit ihrem Künstlernamen, wie wohltuend es sein kann, jemanden in seinem Lebensherbst zu begleiten und wie wichtig es ist, alle pflegenden mit einem kurz verfassten „ Life-book „ zu informieren über Familiengeschichte und Vergangenheit. Dieses Thema ist und bleibt aktuell im In-und Ausland. Und weiter versuche ich die Gesellschaft aufrütteln, für Veränderungen im Gesundheitswesen einzustehen. Freundlichst Kaethy Portmann kaethy.portmann@lebensherbst.ch www.lebensherbst.ch |
| konad graf phuket on 14 Mai 2011 ,05:49 guten tag, als unser vater,der im hausteil neben uns wohnte,meine frau schaute zur wohnung, zum mittagessen kam er zu uns rüber,seit einige zeit war uns die alzheimererkrankung bekannt, mit dem gedächnis bekam er zusehends mühe ,(wir planten einen längeren urlaub),fanden wir einen ferienplatz im alterheim unsrer gemeinde,zu unsrer überraschung wollte er anschliessend bleiben. nach meiner pension betätigte ich mich im mahlzeiten-dienst der spitex,wo in den kurzen gesprächen sorge und angst ja oft eine abneigung das thema war, da stellte ich fest, dass diese möglichkeit in meinen augen viel zu wenig genutzt wird,um diesen schweren schritt im leben rechtzeitig vorzubereiten. wegen meinen winterdepressionen war das auswandern an die sonne nach phuket für mich die richtige lösung. freudliche grüsse koni graf |
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