Nur ein paar hundert Meter liegen zwischen dem Ort seiner Kindheit und der Riederalp, wo er mehr als die Hälfte aller Hotelbetten besitzt. Doch Art Furrer hat einen weiten Weg zurückgelegt. Der Bub aus einfachen Verhältnissen verlor früh den geliebten Vater, verärgerte die Schweizer Skilehrerzunft und wurde in den USA zum Showstar und Vater der Skiakrobatik. Als er ins Wallis zurückkehrte, wünschten ihm viele Einheimische ein rasches Scheitern.

Manche verehren ihn, andere hassen ihn, aber kalt lässt er keinen hier oben. Man kann sich nicht auf der Riederalp bewegen, ohne eher früher als später auf ihn angesprochen zu werden: den Mann mit dem Hut, den Showman, den inoffiziellen König der Riederalp.

Traumhaft schön sei es da, schwär-men die beiden Feriengäste aus Bern. „Aber bald gehört hier alles ihm. Und jetzt hat er es definitiv auf die ganz Reichen abgesehen.“ Man hört viele Geschichten über den König der Riederalp hier oben, über seinen Grössenwahn, seine Profilierungssucht, seinen Geschäftssinn, aber auch über seine Gastfreundschaft, seinen Humor, seine Fitness und Bodenständigkeit. Es ist eine Mischung aus Anerkennung, Bewunderung, Skepsis und Neid, die in diesen Geschichten anklingt.

Später – wir sitzen beim Nachtessen im Hotel Alpenrose – taucht er plötzlich auf, natürlich mit Hut, aber ganz ohne Starallüren. Art Furrer geht von Tisch zu Tisch, erkundigt sich nach dem Befinden, begrüsst Stammgäste und Neulinge. Wir fragen nach einer Tourenempfehlung für den nächsten Tag und erhalten ausführliche Ratschläge plus einen Kaffee Luz aufs Haus: „Das braucht man nach einer so scharfen Pizza!“

Am nächsten Abend, als Furrer wieder die Runde macht im Restaurant, erkundigt er sich nach unserer Tour und erinnert sich an jedes Detail des Gesprächs vom Vorabend. Dass ein Journalist am Tisch sitzt, weiss er in dem Moment noch nicht. Wir vereinbaren einen Termin für ein längeres Gespräch, um ihn selber zu fragen, was dran ist an all den Geschichten, die man sich im Dorf erzählt.

Zwischen einem Ausflug mit Stammgästen und einem Willkommens-Apéro nimmt sich Art Furrer Zeit, um sein Leben im Schnelldurchlauf Revue passieren zu lassen. Er bestellt eine Flasche Heida, rühmt ihn beim Verkosten und rührt sein Glas danach kaum mehr an. „Im Showbusiness und in der Gastronomie muss man gesellig sein, aber auch sehr diszipliniert, sonst kommt es nicht gut heraus“, sagt er später.

Mathias Morgenthaler: Herr Furrer, man trifft Sie in der Hauptsaison immer noch beinahe täglich in Ihren Hotels und Restaurants an. Vergessen Sie chronisch, dass Sie 73-jährig sind und den Betrieb eigentlich an Ihren Sohn Andreas übergeben haben?

Art Furrer: Es ist keine leichte Aufgabe, den Platz zu räumen, sich zurückzuziehen. Zum Glück macht mein Sohn Andreas seine Sache sehr gut – gerade weil er es ganz anders macht als ich. Er ist ein Tüftler, ein Zahlenmensch. Ich habe aus dem Bauch heraus agiert und alles der Marke untergeordnet. Das war am Anfang gut, heute ist mein Sohn der bessere Chef. Seit er die Finanzen im Griff hat, sind die Betriebe viel rentabler.

MM: Die Marke verkörpern noch immer Sie – da hat Ihr Sohn einen schweren Stand.

Furrer: Mein Sohn ist kein Frontmann. Es wäre unzumutbar, wenn er unser Unternehmen allein führen würde. Von daher ist es ganz gut, dass ich noch da bin und weiterhin den Hofnarren spielen darf. In dieser Funktion kann ich den Gästen gegenüber Sprüche machen, die sich sonst kein Gastgeber leisten darf. Und ich pflege die Marke. In Amerika habe ich meine Marke kreiert, ohne zu wissen, was das ist. In den letzten vier Jahrzehnten habe ich das mehr und mehr verstanden. Es bringt nichts, eine Marke mit viel Feuerwerk zu lancieren, wenn man sie danach nicht täglich lebt. Zu einer Marke muss man jeden Tag Sorge tragen, genau wie zu einer Ehefrau – sonst kostet es rasch viel Geld.

MM: Machen Sie es Ihrem Sohn und dem langjährigen Geschäftsführer Jean-Marc Theler nicht unnötig schwer durch ihre unverändert dominante Stellung?

Furrer: Ja und nein. Manchmal irritiert es mich selber, wenn Andreas von mir sagt: „Der Chef will das so.“ Wir sind zu dritt in der Geschäftsleitung, alleine kann ich mich also nicht durchsetzen. Und meine Frau, die noch immer die Furri-Hütte leitet, hat ebenfalls ein wichtiges Wort mitzureden. Ich finde es gut, dass nicht in jeder Frage von Anfang an Harmonie herrscht. Kleine Reibereien und intensive Diskussionen sind wichtig für den Erfolg. Und dass mich die Leute regelmässig fragen, ob ich einen Sprung in der Schüssel habe, mit 73 Jahren noch so viel zu arbeiten, nehme ich sportlich. Die wissen halt nicht, dass das für mich keine lästige Pflicht ist.

MM: Vielleicht brauchen Sie das ja, diese kleine Bühne. Sie waren in den USA ein Skiakrobatik- und Medienstar und auch in der Schweiz ein Liebling der Medien. Hat man da mit Entzugserscheinungen zu kämpfen, wenn es ruhiger wird?

Furrer: Bis jetzt hatte ich wenig Probleme damit. In den USA war es extrem, da hatte ich TV-Auftritte mit 60 Millionen Zuschauern, Nachtessen mit den Kennedys und regelmässig Autogrammstunden. Als ich 1973 in die Schweiz zurückkam, liess ich das alles zurück. Da musste ich mir eine neue Bühne suchen. Denn bühnensüchtig bin ich wohl wirklich bis zum heutigen Tag geblieben. Nur wird die Bühne jedes Jahr kleiner, die Zuschauer werden älter. Ich brauche nicht mehr den grossen Vorhang. Wenn ich ab und zu in der Kellerbar der Alpenrose hier auf der Riederalp einen Abendhöck machen und alte Geschichten erzählen kann, bin ich ganz zufrieden.

Es ist seltsam: Plötzlich interessieren sich wieder mehr Junge für diese Geschichten. Das gibt mir dann das Gefühl, als würde ich Märchen erzählen.

MM: Ihre Rückkehr auf die Riederalp im März 1973 verlief alles andere als märchenhaft. Schon vorher kauften Sie noch von den USA aus Land zusammen. Als Sie auf der Riederalp eintrafen, wurden Sie von vielen als Immobilienhai beschimpft.

Furrer: Halb war ich ein verlorener Sohn, der zurückkehrte, halb ein König, der alle bei Laune halten musste. Ich hatte in den USA gelernt, mich hochzuarbeiten und schliesslich mit der grossen Kelle anzurichten. Als ich wieder hier war, zahlte ich viele Runden Bier. Ich begann mit vier Apartment-Häusern, dann kamen zwei Hotels dazu, die Alpenrose, die Riederfurka, dann die Furri-Hütte. Weil ein Dollar damals 4.30 Franken wert war, konnte ich für relativ wenig Geld viel Land kaufen. Später habe ich jeden Franken sofort reinvestiert. So wurde der Kuchen immer grösser, er wuchs fast von selber – manche empfanden das wie ein Krebsgeschwür.

MM: Sie schluckten kleinere Betriebe, wurden vermehrt angefeindet. War das nicht schmerzhaft, in der eigenen Heimat zum Feindbild zu werden?

Furrer: Ich könnte Bücher schreiben über all diese Anfeindungen. Es ist klar, in Schweizer Berggebieten gibt es immer eine Antipathie gegen den Grossen, den Verdränger, der alles kauft und trudelnde Betriebe übernimmt. Hätten die anderen Vermieter und Hoteliers zusammengearbeitet, hätten sie von meiner Grösse profitieren können. Aber ein richtiger Bergler macht das nicht, der zieht sich lieber zurück und attackiert den Grossen aus dem Hinterhalt. Aber ich verstehe gut, dass ich eine Provokation war: Als ich zu expandieren begann, liess ich grosse Räume und grosse Fenster bauen, wie ich das in den USA gelernt hatte. Das geht natürlich nicht auf einer Walliser Alp. Kein Wunder hiess es im Dorf: „Dieser Bluffer, hoffentlich geht der bald Pleite.“ Manche sagten, ich hätte Kontakte zur Chicago-Mafia.

MM: Hat Sie das nicht entmutigt?

Furrer: Mich persönlich nicht, denn wenn es eng wird, wird es erst richtig schön – erst dann kann man alle Energie anzapfen. Für meine Frau und meine Kinder, die in der Schule Räubergeschichten über mich anhören mussten, hat es mir aber leid getan. Wir lebten lange Zeit ziemlich zurückgezogen und mit wenig Kontakt zu den Einheimischen in unserem Penthouse.

So spricht kein Egomane, der um sich herum nichts wahrnimmt. Art Furrer hat sie sehr wohl registriert, die gehässigen Reaktionen auf seinen forschen Expansionskurs auf der Rieder-alp. Gleichwohl hat er unbeirrt gekauft, renoviert, ausgebaut. Im Juli soll eine weitere, 20 Millionen Franken teure Ausbauetappe zum Abschluss kommen. Dann wird Furrer auf der Riederalp über 400 Betten anbieten, mehr als alle anderen Gastgeber zusammen.

Und er wird nicht mehr in Verlegenheit geraten, wenn der spanische König, Fürst Albert von Monaco oder Nestlé-Manager nach standesgemässen Unterkünften auf der Riederalp fragen. Er habe sich immer gegen überdimensionierte Wellness-Anlagen mitten in der schönen Aletsch-Region ausgesprochen, sagt Furrer, aber für die vielen Kunden mit Rang und Namen brauche es heutzutage einfach eine gehobene Unterkunft. Die beiden Suitenhotels neben dem Hotel Alpen-rose haben da offenbar nicht genügt. Im neuen Resort findet die betuchte Klientel nun 60- bis 180-Quadratmeter-Suiten mit 5-Sterne-Komfort.

Es wird Zeit, zurückzuschauen und zu fragen, wie aus dem Bergbub aus ärmlichen Verhältnissen ein Dollar-Millionär und Immobilienlöwe geworden ist. Und woher dieser beträcht-liche Ergeiz rührt, es allen zu zeigen.

MM: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Furrer: Ich bin ja in sehr bescheidenen Verhältnissen in Greich aufgewachsen, einem Weiler unterhalb der Riederalp. Mein Vater sagte immer: „Die dort unten im Tal sind nicht besser als wir – es geht ihnen nur besser, weil sie Wasser haben.“ Schon damals wusste ich: Eines Tages will ich es mindestens so weit bringen wie die im Tal, wenn möglich ein bisschen weiter.

MM: Ihr Vater ist an einer Staublunge gestorben, als Sie 13-jährig waren. Gleichwohl hat man das Gefühl, dass er Ihr Leben bis heute prägt.

Furrer: Ich sehe meinen Vater noch heute praktisch jeden Tag vor mir – als jungen, starken Mann. Er war Wilderer und eine sehr starke Figur. Mitten in der Nacht stieg er über die Riederalp hoch zum Aletschgletscher und weiter bis aufs Olmenhorn über dem Märjelensee. In der nächsten Nacht kam er mit einer Gams auf dem Rücken zurück. Mein Vater war ein Wunderknabe, der alles konnte. Mit uns Kindern war er gleichzeitig streng und liebevoll. Ja, ich höre ihn bis heute reden. Er blieb für mich mein Leben lang wichtig als Mentor und Mutmacher. Bei ihm habe ich auch gelernt, dass es hilft, spitzbübisch zu sein.

MM: Konnten Sie das anwenden in der Jesuitenschule in Brig?

Furrer: Da wurden wir nach militärischem Vorbild gedrillt. Wir mussten stundenlang in den Gängen wortlos in Kolonne gehen. Ich habe das schlecht ertragen. Hätte mich der Rektor, der ebenfalls Halbwaise war, nicht ins Herz geschlossen, wäre ich eher früher als später von der Schule geflogen. Aber wahrscheinlich haben mir diese Jahre trotz allem gut getan. Später in den USA profitierte ich von der im Internat und im Militär gelernten Disziplin.

MM: Mit der Karriere als Skirennfahrer hat es dann nicht geklappt. Waren Sie nicht gut genug?

Furrer: Es fehlte nicht am Talent, aber am Geld. Jedes Mal, wenn ich mit einem Pokal von einem Rennen zurückkam, fragte meine Grossmutter, was der gekostet habe. Und sagte dann: „Mit diesem Geld hätten wir viel Brot kaufen können.“ Dann absolvierte ich den Skilehrerkurs und wurde schon ein Jahr später Experte für Ausbildung. Leider gab es keine Lektionen in Diplomatie. Ich sagte den Skilehrern sofort, dass sie alles falsch machten: Sie setzten auf Kraft statt auf Balance und sie lehrten immer diese geduckte Fahrhaltung, die ich als „Hosenscheisser-Stellung“ kritisierte. Diese undiplomatische Art kostete mich meinen Experten-Job. So blieb mir noch der Skilehrer-Job in Pontresina.

MM: Was Sie als Tiefschlag empfanden, war Ihr Sprungbrett in die USA.

Furrer: Ja, eine ältere Skilehrerin in Pontresina hatte einen Freund in den Vereinigten Staaten. Dank diesem Kontakt hatte ich den Mut, mit 36 Dollar in der Tasche und ohne ein Wort Englisch zu können nach New Hampshire zu fahren. Ich war vermutlich nie ein besserer Skilehrer als in dieser Anfangsphase, als ich mich nur mit Körpersprache verständlich machen konnte. Später lehrte mich Rachel Gibson, die Grossmutter des Spitzenfahrers Bode Miller, Englisch – jeden Tag zehn Wörter. Meine Faxen kamen in den USA sofort gut an. Alles, was die Schweizer schlecht gefunden hatten, beklatschten die Amerikaner. Ich spürte bald, dass ich das ausbauen und damit Geld verdienen konnte. So entwickelte ich in den USA die Grundformen der Skiakrobatik und wurde zum Vater dieser Disziplin.

MM: In Ihrer Biografie steht: „Ich mache mich wichtiger, als ich bin.“ Sind Sie oft so verfahren im Leben?

Furrer: Das bezieht sich auf die Zeit in den USA und meinen Aufstieg im Showgeschäft. Ich hatte herausgefunden, dass sich einer der grossen Stars dauernd ans Telefon rufen liess, obwohl gar niemand nach ihm verlangte. Ich kopierte diesen Trick sofort. Damals ging es mir tatsächlich nur darum, meine Popularität zu steigern und möglichst viel Geld zu scheffeln. Für eine Autogrammstunde verlangte ich 250 Dollar plus Nachtessen. Im Gegensatz zu anderen Prominenten gab ich fast nichts aus. So flossen beim damaligen Wechselkurs nach jeder Autogrammstunde rund 1000 Franken auf mein Bankkonto in Brig.

MM: Warum sind Sie nach 13 Jahren ins Wallis zurückgekehrt? Amerika bot Ihnen doch die ideale Bühne.

Furrer: Der American Way of Life ist schillernd, aber ziemlich oberflächlich. Alles drehte sich um Dollars – mein Leben, aber auch die Gespräche der anderen. Nach dem Vietnamkrieg war das Klima in den USA durch Nationalismus und Rassismus geprägt. Persönlich hatte ich zunehmend Mühe, Schritt zu halten mit der Popularität der Marke Art Furrer. Ich jettete von einem Auftritt zum nächsten und musste mir eingestehen, dass ich vor einigen Sprüngen Angst hatte. Und ich vermisste die Schweizer Berge. Es gab also viele gute Gründe, mit meiner Frau, einer Österreicherin, die ich in den USA kennengelernt hatte, in die Schweiz zurückzukehren. Zudem hatte ich ja noch eine Rechnung offen mit den Talbewohnern im Wallis.

Wie er diese Rechnung zu begleichen versuchte, verrät viel über diesen kleinen Mann, der dank Fleiss, Disziplin, Talent und Glück ein Grosser geworden ist. Als Art Furrer schon ein Penthouse auf der Riederalp und ein Appartement in Zermatt besass, kaufte er sich in Brig eine 500-Quadratmeter-Dachwohnung zuoberst in einem Hochhaus. Allein das Wohnzimmer mass über 100 Quadratmeter, Marmor und Nussbaumholz dominierten die Innenausstattung. Dazu kam ein Schlaftrakt und ein Trakt für die Tochter und die beiden Söhne. Furrer muss herzhaft über sich selber lachen, wenn er daran zurückdenkt. „Die Wohnung war so gross, dass wir Gegensprechanlagen brauchten, um unsere Kinder in der Nacht zu hören. Nach nur drei Wochen sind wir wieder ausgezogen – es war schrecklich.“

Natürlich sei er geprägt gewesen von den Jahren in den USA, diesem Wettrüsten unter den Reichen. Aber der tiefere Grund für diese unbedachte Geste des Triumphs sei wohl in seiner Kindheit zu finden, in diesem tief verankerten Gefühl, mit dem der kleine Arthur von Greich oben auf die da unten im Tal geblickt hatte, die sich all das leisten konnten, was für ihn vollkommen unerreichbar schien.

Heute muss Art Furrer niemandem mehr etwas beweisen. Er habe mit seiner Frau alle 48 Viertausender der Schweiz bestiegen und mache weiterhin jedes Jahr einen Sechstausender, sagt er, er gönne sich aber auch viel Erholung. Gerne würde er mit 90 Jahren noch aufs Matterhorn steigen und mit 101 Jahren nochmals ein Buch schreiben. „Ich bereite mich mit massvollem Leben und viel Training darauf vor – aber es braucht auch eine gute Portion Wohlwollen vom Herrgott.“

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