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Astrologie ist keine Frage des Glaubens

Für die einen ist Astrologie Hokuspokus, die anderen richten ihr ganzes Leben nach den Sternen aus. Gemäss einer von Reader’s Digest in Auftrag gegebenen Studie denken 43 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer, dass an der Astrologie etwas dran sein könnte, oder sind gar davon überzeugt, dass sich unser Schicksal in den Sternen spiegle. Grund genug, eine ausgewiesene Fachfrau nach den Hintergründen und Möglichkeiten, aber auch nach den Grenzen der Astrologie zu befragen. Monica Kissling alias Madame Etoile hat eine eigene Beratungspraxis und erstellt seit zwanzig Jahren auf
Radio DRS 3 das Wochenhoroskop. Sie zeichnet in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften verantwortlich für das Jahreshoroskop. Soeben ist ein Gesprächsbuch mit ihr erschienen: „Madame Etoile, wie werde ich glücklich?“, in dem sie auf alle Fragen rings um ihre esoterische Domäne Antwort gibt.
Reader’s Digest:Frau Kissling, haben Sie schon als kleines Mädchen davon geträumt, Astrologin zu werden?
Monica Kissling: Überhaupt nicht. Ich war zwanzig, als ich erstmals einen Wochenendkurs besuchte, der mich sehr faszinierte. Der Kursleiter, ein Astrologe, beeindruckte mich mit seinem Wissen. Was der alles aus einem Horoskop herauslesen konnte! Von da an habe ich die Astrologie als Hobby betrieben und weitere Kurse besucht.
RD:Wie hat Ihre Umgebung reagiert, als Sie beschlossen, die Astrologie zu Ihrem Beruf zu machen?
Kissling: Das hat überhaupt niemand ernst genommen. Wer wird schon Astrologin? Das existierte damals gar nicht als Beruf.
RD:Ist das heute immer noch so?
Kissling: Ein bisschen hat es sich schon verändert, aber Astrologe ist immer noch kein anerkannter Beruf, geschweige denn ein geschützter Titel. Deshalb kann man in der Schweiz auch gar nicht allein von der astrologischen Beratung leben. Alle Astrologen, die ich kenne, machen noch etwas anderes. Ich selber habe ja von Anfang an auch für Zeitungen, Radio und Fernsehen gearbeitet.
RD:Worin unterscheiden Sie sich von Elisabeth Teissier, der zweiten landesweit bekannten Astrologin der Schweiz?
Kissling: Elisabeth Teissier behauptet zum Beispiel, sie könne sowohl ihren eigenen wie den Tod anderer voraussagen. Wie sie das anstellt, weiss ich nicht. Als psychologisch orientierte Astrologin vertrete ich die Ansicht, dass man konkrete Ereignisse im Leben eines Menschen nicht voraussagen kann. Denn die Zukunft, davon gehe ich jedenfalls aus, ist noch nicht festgelegt. Wäre sie es, gäbe es keinen freien Willen und wir würden alle nur ein vorgegebenes Programm abspulen.
RD:Aber von gewissen Vorgaben im Leben eines Menschen gehen ja auch Sie in Ihrer astrologischen Arbeit aus.
Kissling: Klar. Zum einen gehe ich von seinen persönlichen Anlagen aus. Es kann nicht jeder Musiker oder Schriftsteller werden. Einige können das, andere sind begnadete Lehrer oder Architektinnen. Zum anderen betrachte ich die Zeitachse. Es gibt Phasen, in denen man die Freiheit hat, zu reisen oder sich weiterzubilden, in anderen hindern einen schwierige Umstände an solchen Aktivitäten. Mit dem Horoskop kann ich jemanden darin unterstützen, seine Eignungen zu erkennen und seine Talente zu entfalten sowie für seine Aktivitäten den passenden Zeitpunkt zu wählen.
RD:Was brauchen Sie im Minimum, um ein persönliches Horoskop zu erstellen?
Kissling: Das Geburtsdatum, die Geburtszeit, am liebsten auf die Minute genau, und den Geburtsort. In der Beratungspraxis formulieren die Klienten auch ihre persönlichen Fragen im Vorfeld, damit die Vorbereitung gezielt erfolgen kann und die Sitzung möglichst effizient verläuft. Im Grunde kann ich aber als Astrologin auch blind arbeiten. Das habe ich lange Zeit für das Schweizer Fernsehen gemacht.
Ich erinnere mich gut an eine Sendung, in der ich in einer Blindanalyse einer Person musikalisches Talent attestiert habe. Und dann trat Felix Gutzwiller auf, der Präventivmediziner und heutige Ständerat. Ich habe leer geschluckt, aber dann erzählte er, dass er als Kind tatsächlich sehr gern musiziert habe. Das zeigt sehr schön, dass Horoskope zwar die Anlagen und Talente eines Menschen zeigen, aber nicht, wie er diese auslebt.
RD:In welchem Masse geben Sie Ihren Kunden auch Ratschläge? Würden Sie ihnen beispielsweise von einer Reise, einer neuen Stelle oder von einer Beziehung abraten?
Kissling: Nach dem Kodex des Schweizer Astrologenbundes, dessen Vorstand ich angehöre, dürfen wir den Ratsuchenden grundsätzlich keine Entscheidungen abnehmen. Ich darf also nicht zu meinen Kunden sagen: Reisen Sie jetzt nicht nach Indien! Oder: Trennen Sie sich von Ihrem Mann! Aber wenn ich im Horoskop einer Person sehe, dass sich grössere berufliche Veränderungen anbahnen, und aus dem Gespräch mit ihr weiss, dass sie mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden ist, ermuntere ich sie natürlich, sich nach Alternativen umzuschauen.
RD:Welche Fragen treiben die Leute in erster Linie um, die von Ihnen ein persönliches Horoskop wollen?
Kissling: Die Menschen stellen Fragen aus allen Lebensbereichen: Wie kann ich mich beruflich weiterentwickeln? Welches ist meine Lebensaufgabe? Wie geht es mit meiner Ehe weiter? Viele Fragen betreffen auch die Gesundheit.
RD:Lässt sich die Frage beantworten, ob sich ein bestimmter Termin für eine Operation eignet?
Kissling: Auf jeden Fall! Das mache ich auch regelmässig. Oft melden sich Menschen, die schon zwei, drei Operationen hinter sich haben, die schlecht verlaufen sind. Wenn ich diese Termine dann astrologisch anschaue, stosse ich jedesmal auf Konstellationen, die sehr ungünstig waren. Es gibt effektiv gute und schlechte Termine. Als ich seinerzeit in einer Fernsehsendung erfuhr, dass die Herzpatientin Rosmarie Voser in der darauffolgenden Nacht operiert werden sollte, war mir sofort klar, dass das nur schiefgehen konnte. Frau Voser ist ja dann tatsächlich gestorben, weil sie ein falsches Herz bekommen hat (Anm. d. Red.: Der 57-Jährigen war im April 2004 ein Spenderherz mit einer falschen Blutgruppe eingesetzt worden).
RD:Viele Leute setzen Astrologie mit der entsprechenden Rubrik in den Zeitschriften gleich. Da gibt es Wochen- oder Jahreshoroskope für die verschiedenen Sternzeichen. Ist es seriös, in Unkenntnis der präzisen Geburtsdaten ein Horoskop zu erstellen?
Kissling: Ich habe selber sehr viele Jahreshoroskope für die Medien erstellt. Man sollte das in erster Linie als Unterhaltung betrachten. Man kann ja die Menschen nicht in zwölf Typen einteilen, auch nicht in 36, wenn man noch die Dekaden dazunimmt. Für die einzelnen Tierkreiszeichen kann man jedoch einen allgemeinen Trend nennen, im Wissen, dass jeder Steinbock und jeder Löwe ganz individuelle Erfahrungen machen wird. Aber ich staune oft, wie ernst viele Leute diese Heftli-Horoskope nehmen.
RD:Wie gehen Sie mit der Macht um, andere Menschen im Extremfall auch stark manipulieren zu können?
Kissling: Ich achte sehr darauf, wie ich mich ausdrücke und ob mich die Klienten richtig verstehen. Ich sage auch nur zu den Bereichen etwas, zu denen die Klienten ausdrücklich etwas wissen wollen. Ich platze also nicht ungebeten damit heraus, dass ich da auch noch ein finanzielles Desaster sehe, das sich abzeichnet.
RD:In persönlichen Horoskopen verzichten Sie auf das Voraussagen konkreter Ereignisse. In politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen stellen Sie und Ihre Berufskollegen aber sehr wohl Prognosen.
Kissling: Natürlich, denn als Astrologen befassen wir uns ja mit zeitlichen Entwicklungen. Auch andere Fachleute stellen Prognosen: Wetterprognosen, Wirtschafts- und Börsenprognosen, Wahlprognosen. Wer das macht, stützt sich auf Daten ab, die der Normalverbraucher nicht zur Verfügung hat, und bezieht gleichzeitig langjährige Erfahrungswerte mit ein. Nehmen Sie die Prognose des Finanzastrologen und Wirtschaftsanalysten Raymond Merriman, der bereits 2001 voraussagte, dass es ab 2008 zu einer globalen Finanzkrise kommen werde. Niemand hat ihm geglaubt. Er hat seine Aussage Jahr für Jahr wiederholt, immer mit dem Hinweis darauf, dass es in den 30er-Jahren zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise sehr ähnliche Planetenkonstellationen gab. Merriman behielt recht.
RD:Viele Prognosen gehen aber auch in die Hose.
Kissling: Ja, das kann passieren, aber nicht nur bei den Astrologen. Wenn Sie sieben Börsenanalytiker fragen, wie sich die Börse im kommenden Jahr entwickeln wird, werden Sie unter Umständen sieben verschiedene Einschätzungen bekommen. Eine Prognose ist immer eine persönliche Interpretation von Daten.
RD:Was war Ihr Prognose-Highlight?
Kissling: Ich habe vorausgesagt, dass Roger Federer an den Olympischen Spielen in Athen 2004 früh ausscheiden wird, obwohl die ganze Schweiz überzeugt war, er werde Gold holen.
RD:Und ein richtiger Flop?
Kissling: Meine Prognose, England werde 2010 Fussball-Weltmeister.
RD:Geben Sie mit solchen Prognosen nicht Kritikern Nahrung, die die Astrologie gern in eine Reihe mit Wahrsagern und Kaffeesatzlesern stellen.
Kissling: Die Meinungen sind meist schon gemacht. Gegner der Astrologie haben leider oft nicht einmal minimale Kenntnisse der Astrologie und sind deshalb keine ernst zu nehmenden Gesprächspartner. Pro- und Kontra-Diskussionen über Astrologie verlaufen nach dem gleichen Muster wie in der Homöopathie.
RD:Wer daran glaubt, zieht einen Nutzen aus der Astrologie. Einverstanden?
Kissling: Nein, überhaupt nicht. Astrologie ist keine Glaubenssache, sondern eine Erfahrungswissenschaft. Grosse Geister von Goethe bis C.G. Jung befassten sich mit ihr, und sie taten es auf sehr differenzierte Weise. Ich finde es ärgerlich, dass sich seriöse Astrologen immer wieder als Scharlatane verunglimpfen lassen müssen.
RD:Warum funktioniert die Astrologie? Wie erklären Sie das?
Kissling: Ganz genau wissen wir das nicht. Die Esoterik, zu der ja auch die Astrologie gehört, geht davon aus, dass es eine höhere Intelligenz, man könnte auch sagen, eine geistige Ordnung gibt. Die Astrologen sehen diese geistige Ordnung in den Sternen gespiegelt. In der Geburtskonstellation eines Menschen erkennen wir das Grundmuster seiner Persönlichkeit, sein Seelengefüge sozusagen.
Spannend ist, dass sich kein Sternenmuster wiederholt. Niemals, nicht in einer Million Jahren. Das heisst, jeder Augenblick ist einzigartig, und damit auch jedes Horoskop und jeder Mensch.
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