Von einer Bergspitze schwingt sich ein Adler auf. Lautlos gleitet er über das Tal. Auf der Suche nach Orientierung verlässt er sein Paradies am Himmel und späht auf die Verwüstung unter ihm. Das freundliche Plätschern des Wassers passt nicht zu dem apokalyptischen Anblick, der sich ihm bietet, und dem Geruch nach frisch entwurzelten Bäumen. Als sei eine Riesenwelle durch die Landschaft gerollt und hätte alles in ihrem Weg niedergemäht und platt gewalzt: Baumstämme, Wurzeln, Felsbrocken.

Der Mann mit den grauen Locken blickt in die Landschaft. Entmutigt starren seine Augen auf einen unbestimmten Horizont, der in ihm selbst zu liegen scheint. Alles, wofür er die letzten zehn Jahre gearbeitet hat, liegt jetzt zertrümmert, eingestürzt und kaputt vor ihm …

Nur zwei Tage zuvor, am 26. Juli 2008, fegte ein heftiger Sturm über das Vasertal in der Maramuresch. Und verwüstete die letzte Schmalspur-Dampfbahn Europas, die Mocanitza (rumänisch mocăniţa), die hier noch Holz transportierte. Der Name ist eine Verkleinerungsform für mocani, die rumänischen Schäfer Transsilvaniens, durch deren Gebiete die weltberühmte Bahn einst fuhr.

Michael Schneeberger war ihrem Ruf gefolgt und hatte für sie bald darauf sein geregeltes Leben in der Schweiz gegen die bescheidene, aber faszinierende Welt Nordrumäniens getauscht. Jetzt haben Sturmfluten die Gleise verschlungen, die Brücken zerstört, und die Mocanitza steckt in den Bergen fest.

Bei den Schneebergers zu Hause, in Bremgarten bei Bern, gab es oft Streit, wenn Michael, der jüngste von vier Söhnen, mit der Modelleisenbahn, den Dampfloks und Waggons seiner Brüder gespielt hatte.

„Du weißt genau, dass du das nicht darfst …“, schimpften sie. „Du bist noch zu klein dafür!“

Für den kleinen Jungen mit den blauen Augen waren Eisenbahnen wie über Nacht zur Obsession geworden. Die Dampfbahn symbolisierte die Freiheit grenzenloser Reisen und die Sehnsucht nach fernen Zeiten, die ihn übermannte, schon wenn er in die Nähe eines Bahnhofs kam.

Es war dieser ständige Entdeckungsdrang, der ihn bewog, in Bern Fotografie zu studieren. Danach arbeitete Schneeberger fast 20 Jahre lang als Fotojournalist für viele verschiedene Schweizer Zeitungen und Magazine. Die Suche nach dem Unentdeckten, Vergessenen trieb ihn immer wieder in die Ferne. Noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs wagte er sich nach Osteuropa, damals eine nahezu unbekannte Welt.

1987 entdeckte er in Rumänien die Region Maramuresch. Er hatte in einem Reisemagazin der ehemaligen DDR gelesen, dass hier noch Dampfbahnen auf 76 Zentimeter breiten Schmalspurgleisen durch die Wälder ratterten. Er wusste sofort: „Das muss ich mit eigenen Augen sehen.“ Nur wenig später stieg er in dem kleinen Bahnhof von Vişeu de Sus (Oberwischau) in Nordrumänien aus dem Nachtzug. Die Kleinstadt liegt wenige Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Die Landschaft machte ihn sprachlos. „Ich war überwältigt“, erinnert er sich.

Kaum hatte er den Bahnhof verlassen, fand er die Welt aus seinen Kindheitsträumen wieder, die er endgültig untergegangen geglaubt hatte. „Es war wie im Märchen. Kaum ein Auto fuhr durch die Dörfer. Werbung gab es nicht. Die Leute hatten fernab von jedem Stress offenbar Zeit. In Westeuropa gibt es so etwas heute nicht mehr“, sagt Schneeberger. Der Journalist erkundete die Dörfer der Maramuresch. Die Menschen führten ein einfaches Leben in traditionellen Holzhäusern. Wie ihre Großväter bearbeiteten sie ihre Felder mit Pflügen, die von Ochsen gezogen wurden. Alle Leute grüßten ihn freundlich.

„Ich fühlte mich wie im Film“, erzählt er. „In dieser Welt war irgendwann die Zeit stehen geblieben.“ Dann entdeckte er die Mocanitza, die dampfgetriebene Bergbahn. Für die Forstarbeiter war sie ein einfaches Verkehrsmittel, das sie zur Arbeit brachte. Für Schneeberger war sie weitaus mehr. Als er mit den Ortsansässigen glücklich eine Fahrt unternahm, genoss er endlich den Spielzeugzug, den man ihm als Kind vorenthalten hatte.

Seither war er mindestens zweimal pro Jahr ins Vasertal gereist. Er kam bei Zipsern unter, Nachkommen von Sachsen, die im 18. Jahrhundert aus der slowakischen Region Zips zugewandert waren, um in den Wäldern der Maramuresch zu arbeiten. Schneeberger versuchte sich anzupassen und an die dortigen Bräuche zu gewöhnen.

Nach dem Sturz des Ceauşescu-Regimes im Dezember 1989 beobachtete Schneeberger, wie die 15 Strecken der Mocanitza-Bahn mit ihren über 1000 Schienenkilometern eine nach der anderen verschwanden. Die Holzwerke, die sie bedienten, konnten sich ihren Unterhalt nicht mehr leisten. Im Rausch des schnellen Geldes wurden die Gleise abmontiert und als Alteisen verkauft.

Die Lokomotiven rosteten vor sich hin. Mitte der 90er-Jahre waren alle Bahnen im Land stillgelegt, außer dieser einen im Vasertal. Da beschloss Schneeberger zu handeln. „Auf meinen Reisen durch die Welt habe ich das oft gesehen, wie im Grunde hervorragende Dinge kaputt gemacht wurden, nur weil sich niemand verantwortlich fühlte“, sagt er. „Die Mocanitza sollte nicht dasselbe Schicksal erleiden.“

2000 gründete er in der Schweiz den Verein „Hilfe für die Wassertalbahn“ (www.wassertalbahn.ch) mit dem Ziel, die letzte Waldbahn zu retten. Rasch kam Hilfe. Während dem Verein vermehrt Fans auf der ganzen Welt beitraten, trafen Sachspenden ein: Werkzeuge, Uniformen und Stromgeneratoren. Zudem floss Geld. So stellte die Schweizer Regierung rund 60 000 Euro zur Verfügung, um die Eisenbahnlinie wiederherzustellen und die Lokomotive zu reparieren.

Als Ergänzung zur einzigen betriebsbereiten Lok finanzierte der Verein 2005 den Kauf von zwei weiteren. Die erste – ziemlich heruntergekommene – hatte im Bukarester Dorfmuseum als Ausstellungsstück gedient. 1910 von Orenstein & Koppel in Berlin gebaut, wurde sie von einem Schlepper herantransportiert, auf die Gleise gesetzt und Măriuţa getauft. Die zweite war 1955 in Reschitza gefertigt worden und erhielt den Namen Elveţia (Schweiz).Im Vasertal hörte man wieder das fröhliche Pfeifen von Loks, die jetzt Waggons mit deutschen, französischen und griechischen Touristen zogen. Und auch Rumänen entdeckten die Schätze ihres Landes wieder.

26. Juli 2008. In der vorigen Woche hat es in Strömen geregnet. Der Boden ist durchweicht. Inzwischen fällt nur noch ein anhaltender Nieselregen, der auf eine Wetterbesserung hoffen lässt. An diesem frühen Morgen harren Dutzende slowakischer, belgischer und rumänischer Touristen fröstelnd auf dem Bahnsteig von Vişeu de Sus aus. In einigem Abstand behalten die Einheimischen entlang der Gleise ihre Taschen mit Kartoffeln, Brot und anderen Vorräten im Auge. Einige schleppen Kettensägen und Kanister mit Diesel. An einer Schnur führt eine Frau ein Ferkel mit sich.

Über dem morgendlichen Gedränge ertönt ein Pfeifton, der im ganzen Tal widerhallt. In einer Dampfwolke fährt aus dem Rangierbahnhof die lang erwartete Mocanitza aus. Die Lokomotive ist ein Modell aus den 30er-Jahren. Ein vorn angebrachtes Schild weist sie als die Cozia 1 aus. Ein weiteres an der Seite verrät: „Höchstgeschwindigkeit 30 Kilometer je Stunde.“

Aus dem Fenster gelehnt blickt der 73-jährige Lokführer Vasile Ivancsuc in den Himmel. „Ich arbeite seit 40 Jahren mit Dampfloks“, verkündet er stolz. Der alte Mechaniker erzählţ dass er an einem Heiligabend in Făina, einem Weiler in den Bergen, zur Welt gekommen sei. Die Mocanitza war damals die einzige Verbindung zur Außenwelt. Vasile ging 1990 in Rente. Aber ohne den kleinen Zug, den er sein Leben lang geführt hatte, hielt er es nicht lange aus.

Sogar stehend pufft die Lokomotive aus voller Lunge. An ihr hängen ein alter Passagierwagen und mehrere flache Güterwaggons für Holz. Die Einheimischen laden bereits ihre Werkzeuge und Vorräte ein. Nach einem kurzen Pfiff rollt die Cozia 1 schließlich an. Sie muss die nächste Schicht Arbeiter in den Wald bringen und die anderen mit den Bäumen abholen, die sie in den vergangenen Stunden gefällt haben.

Minuten später taucht aus dem Rangierbahnhof die zweite Mocanitza – die für Touristen – auf. Sauberer und gepflegter als das Schwestergefährt, hängen an der Elveţia mehrere Passagierwaggons. Ein offener ist mit Bänken ausgestattet. Begeistert steigen die Touristen ein. Nach einem weiteren Pfiff läuft der kurze Zug aus. Trotz der höchstens zehn Stundenkilometer schnellen Fahrt rattert es erstaunlich laut. Genüsslich Dampf, Ruß und gelblichen Rauch ausstoßend, schiebt sich die Lok träge aus Vişeu de Sus.

Während sie die Zivilisation hinter sich lässt, taucht sie in eine wilde Landschaft ein, wie sie die meisten Fahrgäste nur aus dem Fernsehen kennen. Das Mobiltelefon findet kein Netz. Am Ende ist man mit sich allein inmitten dieser Natur und dem lautstarken Rattern des Zugs. In diesem Paralleluniversum scheint die Zeit stillzustehen.

Das Fauchen der Lok schreckt halbwilde Pferde auf, die am Ufer der Vaser weiden. Gebannt laufen die Touristen im Wagen auf und ab, um jedes Bild dieser Landschaft zu erhaschen. Nach einer knappen Stunde stoppt plötzlich der Zug. Der Lokführer zieht aus dem Bauch der Lok einen Schlauch und steckt das Ende in den nahen Fluss. So wurde die dampfgetriebene Mocanitza von jeher mit Wasser versorgt. Nach Făina, das 1100 Meter hoch liegt, sind es 32 Kilometer. Bis dahin braucht der Zug fünf bis sechs Stunden.

Der Regen will nicht enden. Der Himmel wirkt zusehends bedrohlich. Gegen 14 Uhr bricht über der Hochebene von Făina, wo die Touristen inzwischen Pause machen, ein schwerer Sturm herein. Der Lokführer beschließt, vor der Zeit zurückzufahren. Er fürchtet, der Fluss könne über die Ufer treten und die Schienen unter Wasser setzen. Rasch steigen die Touristen wieder ein.

Doch das Fortkommen wird schwierig. Der Fluss schwillt gefährlich an und reißt große Mengen Holz mit sich. Dann werden die Befürchtungen wahr: Die Schienen verschwinden im Wasser, das bald knapp drei Meter Höhe erreicht. Als Geiseln einer entfesselten Natur sind die Touristen von der Außenwelt abgeschnitten.

Das Wasser schießt jetzt die Hänge herab und überflutet den offenen Waggon. Der Zug droht zu versinken. Alle Passagiere müssen den Zug sofort verlassen. 192 Touristen, darunter 15 Kinder, verbringen die Nacht in Waldhütten. Teams der Bergrettung und die Landespolizei beteiligen sich am nächsten Tag an ihrer Evakuierung. Ein Militärhubschrauber fliegt mehrere Einsätze.

Die Totenstille und der klare Himmel bilden einen jähen Kontrast zu der Katastrophe, die sich nur 48 Stunden zuvor ereignet hat. Fassungslos steht Michael Schneeberger vor den Trümmern seines Lebenswerks. Kilometerlange Streckenabschnitte der Waldbahn sind verschwunden. Wo Brücken und Dämme standen, klaffen jetzt riesige Krater. Die Elveţia ist unter Schlamm und Felsbrocken begraben. Die Cozia 1 sitzt oben am Berg fest. Beide nach Vişeu de Sus zurückzuholen ist völlig unmöglich.

Schneeberger holt seine Kamera und dokumentiert die Schäden entlang der gesamten Strecke akribisch. Er muss den Mitgliedern seines Vereins, den Fans und Unterstützern aus der ganzen Welt zeigen, was der Wassertalbahn zugestoßen ist.

In Rekordzeit schwappt eine Welle der Solidarität herein. Knapp eine Woche nach dem Desaster ist das Material da, um die ersten zehn Kilometer der Stecke wiederherzustellen. Die Menschen brauchen den Zug, um täglich zu ihrer Arbeit oder in die Stadt zu gelangen.

„Dieser Mann ist ein Apostel“, sagt Vasile Coman, der Direktor des Holzwerks in Vişeu de Sus über Schneeberger. „Er lebt durch die Mocanitza. Was er hier geleistet hat, macht ihn unsterblich!“

Zwei Jahre nach der katastrophalen Überschwemmung von 2008 ist die Eisenbahnlinie komplett wiederaufgebaut. Fast zwei Jahre lang arbeiteten täglich Dutzende von Einheimischen und Liebhaber der Mocanitza aus aller Welt dafür, die letzte Schmalspur-Dampfbahn Europas zu retten. Jetzt pfeift die Wassertalbahn wieder fröhlich. Jährlich lockt sie 12 000 Touristen an, über die Hälfte davon aus dem Ausland.

„Haben Sie nie ans Aufgeben gedacht, als Sie Ihr Werk von Jahren in Trümmern liegen sahen?“, fragt ein deutscher Journalist. Schneeberger zögert einen Moment. „Offen gesagt, ja, ich habe schon daran gedacht“, antwortet er. „Aber ich bekam von so vielen Leuten so ermutigende Rückmeldungen, dass ich am Ende wusste: Ich würde es schaffen.“

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