Die richtige Therapie gegen Krebs
Als bei Céline Seeholzer (52)* verdächtige Zysten in der Brust festgestellt werden und ihr Arzt weitere Untersuchungen nicht für erforderlich hält, lässt sich die Pharmaberaterinkurzerhand in das Krebszentrum des Inselspitals Bern überweisen. Dort stellen die Ärzte mithilfe einer Mammografie und Biopsie fest, dass es sich um Brustkrebs handelt.
„Mein Arzt sagte mir später: Hätte ich nur ein wenig länger gewartet, wäre der Krebs im Körper förmlich explodiert!“, erzählt Seeholzer. Nach der Diagnose geht alles ganz schnell: Binnen weniger Tage bespricht ihr behandelnder Onkologe gemeinsam mit Chirurgen, Radio-onkologen und Pathologen in einer Tumorkonferenz die Befunde, gemeinsam legen sie einen Therapieplan fest. Bereits zwei Wochen später wird die 52-Jährige operiert. Die vom Krebs befallene Brust sowie drei Achsel-lymphknoten werden entfernt, die Brust in demselben Eingriff durch das Einsetzen eines Implantats rekons-truiert. Mittlerweile liegt die Operation drei Jahre zurück.
Bis heute, das ergaben die regelmässigen Nachsorgeuntersuchungen, ist der Tumor nicht zurückgekehrt.
Die Wahl des richtigen Spitals
Ob die Behandlung in einem grossen und hoch spezialisierten Zentrum ihr im Vergleich zu Patienten kleinerer Spitäler einen besseren Behandlungserfolg gebracht hat, kann Seeholzer nicht mit Sicherheit wissen. „Aufjeden Fall aber fühlte ich mich sehr beruhigt, dass man im Brust- undTumorzentrum jeden Therapieschritt doppelt und dreifach überprüft hat und dass ich nach anerkanntenStandards behandelt wurde“, sagt sie.
Glaubt man den Statistiken, kann die Wahl des richtigen Spitals unddes richtigen Therapeuten für Krebs-patienten überlebenswichtig sein.Das hat unter anderem der deutsche Chirurg Hans-Rudolf Raab in einer Studienauswertung festgestellt. Er verglich die Heilungsraten vonDarmkrebs in verschiedenen Stadien und in verschiedenen deutschenSpitälern. Das Ergebnis: Abhängigdavon, in welchem Spital operiert wurde, schwanken die Heilungsraten zwischen 31 und 72 Prozent.
Selbst bei einer Operation im Frühstadium, in dem Darmkrebs nochals fast vollständig heilbar gilt, überlebten nur zwei Drittel der Patienten die nächsten fünf Jahre, ein Drittel verstarb in dieser Zeit. Waren bereits Lymphknoten befallen, schwankte die Überlebensrate je nach Chirurg und Zentrum sogar zwischen einem und zwei Drittel. Auch in der Schweiz gibt es Qualitätsunterschiede beichirurgischen Eingriffen. Da die Heilungsraten bei Krebskrankheiten nicht nur vom Chirurgen abhängen, sondern auch vom weiteren Krankheitsverlauf, der Art des Tumors, dem Allgemeinzustand des Patienten und der Nachbetreuung, sind die Studienergebnisse aber mit Vorsicht zu geniessen.
Es schadet allerdings nicht, wenn man sich vor einem chirurgischen Eingriff über das Spital und den Chirurgen informiert.
Überlebensraten in Europa
Auch im europäischen Vergleich gibt es infolge unterschiedlicher Therapiestrategien, Medikamente oder Früherkennungsmassnahmen grosse Unterschiede in den Heilungsraten. Das zeigt eine Studie der Europäischen Krebsorganisation (European Cancer Organisation). Je nach Land werden von den Männern 21 bis 47 Prozent vom Krebs vollständiggeheilt, von den Frauen 38 bis 59Prozent. Bei Männern ist das in Island am häufigsten (47 Prozent), in Polen am seltensten (21 Prozent) der Fall. Frauen überleben am häufigsten in Frankreich (59 Prozent), seltener in Polen (38 Prozent).
Bei einigen Krebsarten liegen die Heilungsraten in der Schweiz über dem europäischen Durchschnitt – etwa beim Darmkrebs: Hier rangiert die Schweiz mit einer 5-Jahres-Überlebensrate von rund 60 Prozent auf Platz 1 in Europa. Auch beim Brustkrebs ist die Schweiz mit einer5-Jahres-Überlebensrate von über 80 Prozent überdurchschnittlich erfolgreich. Jedoch stammen die Überlebensdaten aus einzelnen kantonalen Krebsregistern und geben daher nur bedingt Aufschluss. Es gibt immer noch einige Kantone, die keine Daten über Krebskrankheiten sammeln und auswerten. In anderen Ländern werden die Daten national erhoben.
Hohe Kompetenz in Zentren
In der Schweiz entstehen dank der interdisziplinären Zusammenarbeit regionaler Spitäler laufend neue Tumorzentren. Einige dieser Zentren, wie das Tumor- und Brustzentrum (ZeTuP) in St.Gallen, erweiterten ihr Einzugsgebiet durch Gründung neuer Standorte. So können auch kleinere Spitäler von der Fachkompetenz der grossen Zentrums- und Universitätsspitäler profitieren.
Von Studien profitieren
Neue Medikamente, Diagnoseverfahren oder auch die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Therapie-Kombinationen überprüfen Ärzte Tag für Tag in klinischen Studien. In diesen Studien erhält nur ein Teil der Patienten die zu überprüfende Behandlung oder das entsprechende Medikament. Der andere Teil – ausgewählt nach dem Zufallsprinzip – wird mit der Standardbehandlung therapiert. Patienten, die an einer Studie teilnehmen, profitieren in jedem Fall von einer intensiven medizinischen Betreuung und Kontrolle. Ein möglicher Nachteil könnte sein, dass die zu erprobende Therapie – so man zur der Gruppe gehört, die sie bekommt – wirkungslos bleibt oder Nebenwirkungen zeigt. Ob ein Patient die Voraussetzungen erfüllt, um an einer Studie teilnehmen zu können, entscheiden die Ärzte im Einzelfall.
Egal, wo Sie sich im Ernstfall behandeln lassen, gründliche Information ist Trumpf. Aber was ist, wenn Sie mit einer Behandlung, die Ihnen die Ärzte vorschlagen, nicht einverstanden sind? Dürfen Sie sie dann ablehnen? Ja natürlich, denn es gibt keinen Behandlungszwang. Lehnt ein Patient zum Beispiel die Chemotherapie ab, so suchen die behandelnden Ärzte nach einer alternativen Therapie. Ferner gibt es für Patienten auch die Möglichkeit, eine Zweitmeinung einzuholen und sich danach für eine Therapie zu entscheiden.
* Name von der Redaktion geändert
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