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Ein Pater lebt für die Ärmsten in Kenia
Wie sich der Schweizer Peter Meienberg in Nairobi engagiert
By VON MARIANNE VON ARX
Eines Nachts im Jahr 1994 hörte der Schweizer Benediktiner Pater Peter Meienberg eine Stimme, die ihm sagte: „Komm zu uns nach Goma!“
Er wohnte in Nairobi und wusste, dass ruandische Menschen zu Hunderttausenden nach Goma geflohen waren – in eine Stadt auf dem Staats-gebiet von Zaire. Meienberg gehorchte der Stimme, und als er kurz darauf in Goma eintraf, mietete er sofort einen Fahrer mit Motorrad, sass hinten auf und liess sich ins Flüchtlingslager Kivumba (eines von sieben Lagern ausserhalb der Stadt) bringen, wo über 300000 Menschen auf engstem Raum untergebracht waren. Die irische Hilfsorganisation GOAL hatte hier ein Zentrum errichtet. Innerhalb eines Monats starben 50000 Flüchtlinge an Erschöpfung und Cholera.
Meienberg sah, wie aufgeschichtete Leichen in Massengräber geworfen wurden. Er ging von Zelt zu Zelt, von Hütte zu Hütte, versuchte Trost zu spenden. Kinder, die zu schwach waren, um selber das Zentrum zu erreichen, trug er dorthin und tat sein Möglichstes, dass sie medizinisch betreut wurden.
Die Medikamente in den Lagern gingen zur Neige und die GOAL-Verantwortlichen baten Peter Meienberg, Nachschub aus der Schweiz zu besorgen. Via Nairobi flog er nach Zürich. Dort berichtete er in Zeitungen über die Situation in Goma und sprach im Radio, worauf die Schweizer in zehn Tagen rund 70000 Franken auf ein speziell eingerichtetes Konto überwiesen.
Wieder in Nairobi – seinem Fixpunkt seit 1979 – predigte Meienberg am folgenden Sonntag in der Kathedrale auf Englisch und Swahili über seine Eindrücke in Goma. Er fragte sich, wo die Kirche geblieben war, als in drei Monaten 800000 Menschen, 75 Prozent der Tutsi-Minderheit, ermordet wurden. „Wenn in einem Land mit 68 Prozent Katholiken und 18 Prozent Protestanten solche Gräuel möglich sind, stimmt etwas mit der Kirche nicht“, sagt er. „Damals lebten einige wenige Mus-lime in Ruanda; sie beschützten Tutsis und Hutus gleichermassen. Der Klerus jedoch schwieg – und schweigt heute noch.“
Peter Meienberg wurde am 27. November 1929 in St. Gallen geboren. Mit fünf Geschwistern wuchs er unter der Ägide einer tüchtigen Mutter auf. Der Vater konnte als Revisor der Raiffeisenkasse wenig Zeit mit der Familie verbringen. Der um elf Jahre jüngere Bruder Niklaus wurde ein bekannter Schriftsteller und Journalist, der leidenschaftlich Missstände aufdeckte. Er starb 1993. Ein einziges Mal wies ihn der grosse Bruder Peter zurecht: Als Niklaus den Papst bei dessen Besuch in der Schweiz in der Presse heftig angriff.
Peter Meienberg studierte Theologie in Fribourg sowie Soziologie, Sozialanthropologie und Sozialpsychologie in New York. Die ersten Sporen verdiente er sich als Busch-Seelsorger ab – beim Stamm der Wamatengo in der Nähe des Nyassa-Sees im heutigen Tansania. Es war der Sprung von der Theorie zur Praxis.
Im Auftrag der Bischofskonferenz schrieb er eine moderne Staatsbürgerkunde für die höheren Schulen des Landes, die vom Erziehungsministerium zum offiziellen Schulbuch erklärt wurde. Immer wieder geriet er bei seinen zahlreichen Unternehmungen in Bedrängnis. In Nanyuki, am Mount Kenya, bildete er indische Schwestern und afrikanische Novizinnen aus und gründete gleichzeitig ein Haus für Strassenkinder. Eines Abends im Jahr 1993 war sein Haus voller Gäste, darunter auch medizinische Experten, die hier in Nanyuki ein Projekt in Angriff nehmen wollten. Als sie sich zur Ruhe zurückgezogen hatten, bellten die Hunde, und Peter Meienberg wusste, dass sein Haus jetzt überfallen würde.
Er kleidete sich an, entnahm seiner Nachttischschublade einen sogenannten thunder flash (Donnerlicht, eine Rakete), schloss sein Zimmer ab und ging einer Gruppe von furcht-erregenden Männern entgegen.
Nun feuerte er seine Rakete ab, die mit grossem Krach die Nacht taghell erleuchtete. Auf diese Weise konnte er seine schlafenden Gäste warnen. Die Männer schreckten auf, umringten ihn und schlugen ihn mit Knüppeln nieder, bis er ohnmächtig zusammenbrach. Sie belagerten das Haus.
Als Meienberg aus seiner Ohnmacht erwachte, gelang ihm dank einem Spritzer Adrenalin die Flucht in ein nahes Haus, dessen Mieter ihn ins Spital brachten. 32 Nähte wies sein Kopf nachher auf, und ein gebrochener Finger war eingegipst.
1999 gründete Meienberg seine eigene nicht-kirchliche Hilfsorganisa-tion „Faraja“, was Trost, Friede, Ermutigung bedeutet. Faraja muss keine Steuern zahlen und wird aus privaten Spenden finanziert, dem Gönnerverein in der Schweiz und dem Benediktiner-Kloster in Uznach, dem Meienberg angehört.
Ganz besonders am Herzen liegt Meienberg das Langata Frauengefängnis. Jede vierte Frau in diesem Gefängnis, so sagt er, sei unschuldig. Es finden sich hier Kinder, Minderjährige, Prostituierte, Aidskranke. Bis zu 50 Gefangene sind in einem Raum von 7 auf 12 Meter untergebracht. Faraja erneuert das Gefängnis in Etappen (und nicht nur dieses), hat Computer aus der Schweiz einfliegen lassen, an denen die Frauen nun lernen können. Um die Ernährung von Müttern mit Kindern zu verbessern, hat Faraja einen Modellgarten mit Tropfbewässerung eingerichtet und zehn Saanen-Geissen gekauft, die bereits Milch geben.
Faraja öffnet Flüchtlingen und aus dem Gefängnis Entlassenen mit Kleinkrediten neue Türen. Nach einem intensiven Training durch So-zialarbeiter und Finanzexperten dürfen sie sich eine Beschäftigung aussuchen, die ihrer Begabung entspricht. So nähen heute Frauen aus dem Kongo bereits farbenfrohe modische Kleider, die sogleich Absatz finden. Mit dem Erlös unterhalten sie ein Heim für mehr als zwanzig kongolesische Waisenkinder. Eine einstige Prostituierte bäckt Kuchen und mixt Getränke, die so beliebt sind, dass sie der grossen Nachfrage kaum gerecht werden kann. Eine seit anderthalb Jahren in U-Haft ausharrende Frau hat Lieder komponiert und singt sie zusammen mit 22 Frauen vor Publikum. Talente über Talente gibt es hier zu entdecken.
In einem der besten Quartiere von Nairobi, in Westlands, kaufte Peter Meienberg ein Grundstück und erstellte einen Gebäudekomplex mit 23 Wohnungen. Sein Bruder Felix gewährte ihm dafür ein zinsloses Darlehen von respektabler Grösse. Nun haben sich ausländische Experten, Botschafts- und UN-Personal eingemietet. Was sie für die Wohnungen bezahlen, deckt 40 Prozent der Ausgaben Meienbergs zum Wohl seiner Schützlinge. So wirkt er ganz legal ein bisschen wie Robin Hood: Seine Armen profitieren von den Reichen.
Im Massailand, 60 Kilometer südlich von Nairobi, konnte Faraja 24 Hektaren Land erwerben, und es entstand ein landwirtschaftliches Ausbildungszentrum für mittellose Kenianer. Dank künstlicher Bewässerung gedeihen Früchte und Gemüse. Massaifrauen werden angelernt, aufgeklärt, und es ist zu hoffen, dass sie selbst der Mädchenbeschneidung, die in ihrer Kultur verwurzelt ist, ein Ende setzen.
An seinem 80. Geburtstag, der gross gefeiert wurde, besuchte Meienberg unter anderem diese „Faraja-Latia-Farm“ und stellte die 20 Lehrlinge beiderlei Geschlechts vor. Alles staunte, wie planmässig und systematisch hier ein Ausbildungszentrum entsteht. Die Landwirtschaftsexperten arbeiten zusammen mit den Bauern und Viehhirten, die jetzt wegen der Dürre riesige Verluste an Vieh erlitten haben. Die Massai haben zahlreiche Erfahrungen mit der Natur gemacht; Meienberg und sein Team können auch von ihnen lernen.
Was Entwicklungshelfer aus der Ferne manchmal zu wenig bedenken: Auch die Ärmsten sind fähige, begabte Menschen. Leider haben sie zu wenig Gelegenheit, es zu beweisen.
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