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Gedenken an die Opfer
Jürgen Litfin hält die Erinnerung an alle jene wach, die den Versuch, aus der DDR zu fliehen, mit dem Leben bezahlten – wie sein Bruder Günter...
By MICHAEL KRASKEDer beige-braune Wachturm sieht aus, als habe die DDR hier auf fünf mal fünf Metern überlebt. Aus den kleinen Fenstern oben schaut eine Puppe in NVA-Uniform, daneben hängt die schwarz-rot-goldene Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. Jürgen Litfin, 69 Jahre alt, früher Handwerker, heute Rentner, hat Hunderte Arbeitsstunden in den maroden Wachturm am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal investiert. Er hat trocken gelegt, gemauert, Leitungen verlegt, isoliert, um den Turm zur Gedenkstätte für seinen Bruder Günter und weitere 254 Menschen herzurichten.
Sie alle bezahlten ihren Versuch, die Grenzanlagen der DDR zu überwinden, um in den Westen zu gelangen, mit dem Leben. Günter wurde am 24. August 1961 erschossen, als er durch den Humboldthafen in den Westen schwimmen wollte. Bittere Ironie: Beide Ufer des Humboldthafens liegen im Osten Berlins. In den ersten Tagen des Mauerbaus war die künftige Grenze oft nur durch Stacheldraht markiert, der genaue Grenzverlauf den Berlinern selbst noch nicht bekannt. Jürgen Litfin kann nur spekulieren: „Womöglich dachte Günter, dass er eine Lücke gefunden hatte und die Gewässer noch nicht gesichert waren.“
Jeden Tag kommen Touristen, die auf den Narben des ehemaligen Grenzstreifens nach Spuren der Vergangenheit suchen. Deutsche, Amerikaner, Franzosen, Chinesen. Im Wachturm braucht es nur Minuten, bis sie den Schrecken der Mauer spüren können. Heute ist es eine Gruppe deutscher Radfahrer. Sie steigen die schmale Metallstiege hoch, stellen sich neugierig im Kreis auf. Litfin legt los: „Dit war der Mannschaftsraum, dit waren die Schießscharten, nach vorn war volle Beleuchtung mit Scheinwerfern.“
Er schreitet an den Wänden aufgehängte Fotografien ab, die Phasen des Mauerbaus dokumentieren, erzählt, dass 380 Menschen von Anwohnern verraten und an die Grenzer ausgeliefert wurden: „Von Bonzen, die da jewohnt haben. Für ’ne Kopfprämie.“ Litfin sagt, dass die Flüchtenden beobachtet und festgehalten wurden, bis die informierten Grenzer sie festnahmen. Er erklärt, dass 38 000 Spikes, spitze Metallstacheln, vor der Mauer vergraben waren, um Flüchtlinge auf dem Weg in die Freiheit zu stoppen. „War doch ein humaner Staat, oder?“, fragt er und verzieht den Mund zu einem Lächeln, das nicht lustig ist.
Jürgen Litfins Führung ist keine nüchterne Geschichtsstunde. Sie ist eher ein kleiner Horrortrip in die Unmenschlichkeit der Berliner Mauer und zu den Verwundungen eines Mannes, dem der geliebte Bruder geraubt wurde. Günter ist schon lange nicht mehr, aber immer präsent. Wenn Jürgen erzählt, wie Günter den Hund der berühmten Schau- spielerin Grete Weiser ausführen durfte, deren Maßschneider er war, weicht die Wut für einen Moment dem zarten Gedenken an den Bruder.
Dann kommt die Wut wieder, der 69-Jährige hält sie nicht zurück, jeder soll sie sehen, auch darum kommt er in den Turm: „Ick nehm jeden Tag Rache an dieser DDR, indem ick erzähle, wat die wirklich war“, sagt er, zum Beispiel Schülern, die mit ihren Lehrern herkommen. „Wenn die bei mir raus sind, ham die mehr Geschichte jepaukt wie in fünf Jahren Schule“, meint er.
In der zweiten Etage hat Jürgen Litfin nicht nur ein Bild seines Bruders, sondern auch das Protokoll der Transportpolizei aufgehängt, das Günters Tod bürokratisch kalt dokumentiert: „Betreff: Verhinderter Grenzdurchbruch“. Darin findet sich auch der Name des Todesschützen: Herbert P. Litfin verrät nicht, wie er an das Dokument, das den gezielten Todesschuss auf seinen Bruder beweist, gelangt ist. Nur, dass es ihn Mühe und Beharrlichkeit gekostet hat. Den Schützen hat er nie persönlich konfrontiert. Er klagt ihn hier an.
Zum 20. Geburtstag der Wende wird öffentlich darüber gestritten, was die DDR war: Rechts- oder Unrechtsstaat oder etwas dazwischen. Für Jürgen Litfin ist die DDR der Staat, der seinen Bruder erschossen hat, weil der ein paar Kilometer weiter im Westen leben wollte. Ein Besuch in seinem Turm macht immun dagegen zu vergessen, dass die DDR eine Diktatur war, die Unrecht auch per Gesetz durchsetzte.
Eine Frau aus der Radfahrergruppe macht einen Schritt auf Jürgen Litfin zu. „Tut mir leid, aber so geh’ ich nicht“, sagt sie. „Ich bin Christin. Die Idee von Marx und Engels war doch gut.“ Jürgen Litfin wendet sich der Metallstiege zu, hält inne. „Man hat außer Acht jelassen, wat den Menschen ausmacht“, sagt er ruhig. „Freiheit.“
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