Ariana* lernte in dem albanischen Dorf, in dem sie mit ihrer Mutter lebte, mit 16 Jahren Burim kennen. Burim war acht Jahre älter als sie; ihr schmeichelte die Aufmerksamkeit, mit der er sie überschüttete. Als er ihr sagte, er habe eine gute Stelle in einer Chemiefabrik bei Florenz in Aussicht, verliess sie mit ihm das Land.

Aber nach zwei Tagen in seiner italienischen Wohnung entdeckte sie einen Schrank voll Reizwäsche und einen Beutel Kondome. Sie hatte noch nie ein Kondom gesehen. Er sagte ihr, die Sachen gehörten einem anderen Mädchen. Als Ariana sie auf den Dachboden bringen wollte, sagte er: „Lass sie hier. Du wirst sie brauchen.“

Ihr Leben wurde zum Albtraum, bestehend aus Sex mit Fremden bei Nacht und Prügeln und Vergewaltigungen durch Burim am Tag. Ariana wollte fliehen, aber Burim fand sie immer wieder. Schliesslich brachte er sie nach London in ein Bordell.

Der Russe Wladimir war Mitte 20, als er auf ein Inserat antwortete, das gute Löhne für Bauarbeiter, Hauspersonal und Übersetzer in Westeuropa versprach. Er unterschrieb einen Arbeitsvertrag, aber in den Niederlanden angekommen, musste er feststellen, dass es die Arbeitsstelle gar nicht gab. Stattdessen sollte er für „seinen“ Menschenhändler, der für Transport und Papierkram horrende Summen verlangte, Zwangsarbeit leisten.

„Er sagt, ich sei ihm 50 000 Euro schuldig“, berichtet Wladimir. „Wie soll ich so viel Geld je aufbringen? Wie komme ich frei?“

Rund 200 Jahre nachdem der Sklavenhandel erstmals abgeschafft wurde, werden in aller Welt 12,3 Millionen Erwachsene und Kinder zu Arbeit und Prostitution gezwungen. Ariana und Wladimir sind nur zwei Opfer dieses Geschäfts, das weltweit vermutlich rund 45 Milliarden Franken im Jahr einbringt. Es ist das drittgrösste illegale Gewerbe nach Drogen- und Waffenhandel.

In Europa hat der Menschenhandel epidemische Ausmasse angenommen, angeheizt durch den Zusammenbruch des Kommunismus, die EU-Erweiterung und das Schengener Abkommen, das in 25 Ländern die Grenzkontrollen aufweichte. „Anders als beim Menschenschmuggel, wo Einzelne jemanden dafür bezahlen, dass er sie in ein Land schleust, zielt der Menschenhandel auf Ausbeutung ab“, sagt Suzanne Hoff, die internationale Koordinatorin von La Strada International, einer nichtstaatlichen europäischen Organisation zum Kampf gegen den Menschenhandel. „Menschen müssen unter miserablen Bedingungen arbeiten und leben, haben kaum Freiheit, manchmal nimmt man ihnen die Pässe ab, oder sie sind durch Schulden gebunden und erhalten wenig oder keinen Lohn. Diese Formen der Ausbeutung findet man im Sexgewerbe, in Haushalten und in der kommerziellen Heiratsvermittlung, aber auch in besser regulierten Arbeitsbereichen wie Bau und Landwirtschaft. Sie gehören weiterhin zu den schwersten Menschenrechtsverletzungen im heutigen Europa.“

Schätzungsweise 250 000 Personen gehen in Europa Jahr für Jahr Menschenhändlern ins Netz, wahrscheinlich 10 Prozent von ihnen sind Kinder. Allein in Europa bringt dieses Geschäft einen Jahresumsatz von rund dreieinhalb Milliarden Franken.

La Strada arbeitet an Orten, die den Menschenhändlerbanden als erstklassige „Lieferländer“ gelten, wie Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Mazedonien, Moldawien, Polen, Tschechien, die Ukraine und Weissrussland. La Strada hilft auch Menschen, die in Westeuropa versklavt sind. Zu den Hauptzielländern des Menschenhandels zählen die Niederlande, Deutschland, Italien, Spanien, Frankreich, Belgien, Skandinavien und Grossbritannien.

Nach inoffiziellen Berichten werden jedes Jahr an die 50 000 russische Staatsbürger ins Ausland verkauft und in Westeuropa, im Nahen Osten und in Nordamerika sexuell ausgebeutet. Aus Polen kommen 15 000, aus Ungarn 30 000. Im ländlichen Albanien haben Eltern sich schon geweigert, ihre Kinder in die Schule zu schicken, weil sie fürchteten, sie könnten von Menschenhändlern entführt werden.

In Deutschland, auf der globalen Landkarte des Menschenhandels Ziel- und Transitland zugleich, wurden Rumäninnen, die glaubten, sie sollten in Restaurants arbeiten, in Bordelle neuen Stils gezwungen. Freiern wurde für 100 Euro am Tag „Flatrate-Sex“ angeboten – mit so vielen Mädchen und so lange, wie sie wollten. 2009 traf die Polizei bei einer Razzia in einem Klub in Fellbach bei Stuttgart 179 Männer und 89 Frauen an. Von den Mädchen seien viele unter 21 gewesen, hiess es.

Sanne Kroon ist Sprecherin und Lobbyistin für Bonded Labour in the Ne-therlands (BLinN = Zwangsarbeit in den Niederlanden), eine Organisation, die Opfern des Menschenhandels hilft, sich wieder ein Leben aufzubauen.

„In einem Fall“, sagt Kroon, „bekam ein Mädchen, das zur Prostitution gezwungen worden war, ein Bild ihres einjährigen Söhnchens zugeschickt, auf dem stand: Wir wissen, dass er bei deinen Eltern ist. Stell dir vor, was wir mit ihm anstellen könnten.“

Der Menschenhandel wäre nicht so verbreitet und niederträchtig, gäbe es nicht so viele skrupellose Arbeitgeber: Klubbetreiber, Landwirte, Fabrik- und Ladenbesitzer, Baufirmen, Event-Veranstalter und Gastwirte, die den Opfern Löhne weit unter Tarif bezahlen und sich um ihre Gesundheit und Sicherheit nicht kümmern.

„Das sind alles Menschenhändler“, sagt der Amsterdamer Oberstaatsanwalt Herman Bolhaar. „Es ist ein komplexes Problem, in dem sowohl organisierte Kriminalität als auch sozioökonomischer Druck, der die Opfer in die Hände der Menschenhändler treibt, eine Rolle spielen.“ Bolhaar leitet die Sonderkommission gegen Menschenhandel, eine Gruppe von Polizisten, Staatsanwälten, Bürgermeistern und Politikern, die den Kampf gegen den Menschenhandel koordiniert.

Aber in Ländern wie den Niederlanden, wo Prostitution erlaubt ist, ist es schwer zu sagen, wer freiwillig oder unter Zwang in diesem Gewerbe tätig ist. „Deshalb ist die Aktion Sneep so wichtig“, sagt Bolhaar. Sie begann 2006 damit, dass eine Polin zur Amsterdamer Polizei ging und aussagte, sie und andere Frauen aus Ländern wie Polen, Bulgarien und Rumänien würden gezwungen, als Prostituierte im Rotlichtmilieu zu arbeiten – Zielort für jährlich etwa 4000 Opfer des Menschenhandels. „Man hatte ihr den Pass abgenommen; ihren Zuhältern musste sie über 1000 Euro am Tag abliefern“, so Bolhaar. Mädchen, die das nicht schafften, wurden oft vergewaltigt, verprügelt und in Eiswasser geworfen, damit die Blutergüsse möglichst klein blieben, und dann wieder zur Arbeit geschickt. Andere wurden tätowiert und so als „Eigentum“ der türkischen Brüder Saban und Hasan Baran gebrandmarkt.

In einer konzertierten Aktion in Den Haag, Utrecht, Alkmaar und Vinkeveen wurden die Brüder und sechs Komplizen verhaftet. Neun ihrer Opfer, die teilweise Zeugenschutz bekamen, sagten 2008 vor Gericht gegen sie aus. Hasan, 43, und Saban, 38, leiteten ein Menschenhandels- und Drogenimperium, das Belgien und Deutschland mit einschloss. In vier Jahren hatten sie ein Millionenvermögen auf die Seite gebracht. Saban bekam siebeneinhalb Jahre Gefängnis und zusätzlich acht Jahre für versuchten Mord, Hasan wurde zu zweieinhalb Jahren verurteilt, ist aber noch in der Berufung.

„Es waren an die 120 Opfer“, sagt Bolhaar. „Wir hatten es mit solcher Brutalität zu tun, dass wir möglichst viele Alarmglocken läuteten. Fällt jetzt das Wort Sneep, weiss jeder, dass von einer konzertierten Aktion gegen den Menschenhandel die Rede ist.“

Im Jahr 2009 gab es weltweit 4166 erfolgreich abgeschlossene Verfahren wegen Menschenhandels, doch nur 335 betrafen Zwangsarbeit. Dabei sind Baugewerbe, Landwirtschaft, Häfen, gefährliche Industrien und Haushalte, also nicht Prostitution, das Los, das mehr als 50 Prozent aller Opfer des Menschenhandels erwartet. Nach internationalem Recht ist Zwangsarbeit ein Schwerverbrechen. In Europa sank die Zahl der Verurteilungen wegen Zwangsarbeit von 80 im Jahr 2007 auf 16 im Jahr 2008, stieg 2009 aber wieder auf 149 an.

„Das liegt zum Teil daran, dass die Zwangsarbeit so schwer feststellbar ist“, sagt Sanne Kroon. „Es könnte die Frau sein, die im Laden nebenan immer Überstunden macht, oder der Spargelstecher, der für einen Euro die Stunde auf den Feldern schuftet.“

„Immerhin“, sagt Roger Plant, der bis 2009 für die ILO (Internationale Arbeitsorganisation) in Genf das Sonderaktionsprogramm zur Bekämpfung der Zwangsarbeit leitete, „wacht die Strafverfolgung in Europa allmählich auf – angesichts extremer Verstösse.“

Reiseprospekte schildern die Provinz Foggia im süditalienischen Apulien als „Paradies für Sommertouristen“. Für Bewohner ärmerer Gegenden Polens waren Inserate, die Arbeit für sechs Euro die Stunde plus Kost und Logis in Foggias blühender Landwirtschaft verhiessen, sehr verlockend. Aber der 51-jährige Stanislav Fudalin wurde nach einer strapaziösen Reise, so berichtet er, von einem ukrainischen „Vorarbeiter“ empfangen, der für ortsansässige Bauern arbeitete. Er erklärte Fudalin: „Ich bestimme hier die Regeln. Ihr seid meine Sklaven. Wer abhauen will, den werde ich finden und umlegen. Dann kehrt er im Abfallsack nach Polen zurück.“

Den Polen wurden die Pässe abgenommen, dann zwang man sie, 16 Stunden täglich Tomaten zu pflücken. Ungeachtet der hohen Zinsen für ihr „Beförderungs-Darlehen“ bekamen sie nur einen Euro pro Stunde, wovon sie Essen und Unterkunft bezahlen mussten: unbeheizte Baracken ohne Strom und Wasser, nachts zugeschlossen, bewacht von bewaffneten Aufsehern. Wer krank wurde, musste für jeden Tag, an dem er nicht arbeiten konnte, an seinen Vorarbeiter 20 Euro bezahlen. Umsonst waren lediglich die Prügel. Sie waren Sklaven in immerwährender Schulden-Knechtschaft.

Einige konnten fliehen. Ihre Berichte waren Auslöser der Operation Terra Promessa (Gelobtes Land), einer Gemeinschaftsaktion des Carabinieri-Dezernats Organisiertes Verbrechen und des Menschenhandels-Dezernats in Warschau. Zudem halfen das Anti-Mafia-Büro in Bari, Abhöraktionen sowie Aktivitäten von Interpol und Europol.

Am 18. Juli 2006 wurden bei Razzien 113 Arbeiter befreit und 19 Menschenhändler – 16 Polen, zwei Ukrainer, ein Algerier – verhaftet. 17 sitzen zurzeit mehrjährige Gefängnisstrafen ab.

Grund zur Sorge gibt auch die Sklaverei in Haushalten. „Die Opfer sind schwer zu finden, da ihnen ihre Arbeitgeber den Mund verbieten“, sagt Sophia Lakhdar vom Komitee „Gegen Moderne Sklaverei“ (CCEM) in Frankreich. Die 27-jährige Algerierin Alice schuftete vier Jahre als Kindermädchen und Putzfrau bei einem Cafébesitzer und seiner Frau in Paris. Sie musste auf dem Fussboden schlafen, durfte nie auf eigene Faust das Haus verlassen, wurde gedemütigt und bedroht. „Zwei Jahre lang bekam ich keinen Lohn. Angeblich musste ich mein Flugticket abarbeiten. 2004 und 2005 schickte man meinen Eltern 600 Euro. Ich selbst habe nie Geld bekommen.“ 2007 konnte Alice ihren Arbeitgebern entfliehen. Sie hat jetzt in Paris eine eigene Familie gegründet. Die Cafébesitzer wurden nie bestraft.

Zum Kampf gegen „ruchlose Verbrechen“ schlägt Cecilia Malmström, EU-Kommissarin für Innenpolitik, einen Koordinator gegen Menschenhandel vor. In einer Rede drängte sie kürzlich die Mitgliedstaaten, ihre Bemühungen besser abzustimmen. „Wir brauchen einen strengeren Gesetzesrahmen mit besserem Schutz und härteren Strafen.“ Verurteilungen wegen Menschenhandels machen nur einen Bruchteil derer für Drogenschmuggel aus. Die meisten Menschenhändler sind auf freiem Fuss.

Aber Gefängnisstrafen schrecken Menschenhändler nicht immer ab. 2006 entdeckten die zentrale Kriminalbehörde von Estland und ihr Gegenstück in Helsinki, dass drei Verbrecher, die in Estland einsassen, von ihren Zellen aus Frauen nach Finnland schleusten, um sie dort als Prostituierte arbeiten zu lassen. Nachdem sie in einem Internetportal passende Opfer gefunden hatten, nahmen sie mittels eingeschmuggelter Handys Kontakt zu ihnen auf. Dabei gaben sie sich als reiche Geschäftsleute aus, die Kindermädchen und Gesellschafterinnen anwarben. Ihre Freundinnen draussen organisierten derweil den Transport und wuschen die Profite.

Tragischerweise verhelfen manchmal sogar Behörden einem Kriminellen zur Flucht. Im September 2009 bat Saban Baran darum, für ein paar Tage zu seinem neugeborenen Kind zu dürfen. Unglaublicherweise gestattete ihm das holländische Gericht den Freigang. Wenig überraschend machte er sich aus dem Staub und erzeugte bei seinen Opfern noch mehr Todesangst.

Wie konnte ein so gefährlicher Täter freigelassen werden? „Fragen Sie den Richter“, antwortet ein wütender Herman Bolhaar, der sich in Berufungsverhandlungen für die Haupttäter aus der Aktion Sneep um höhere Freiheitsstrafen bemüht.

Keine Rettung gab es für Nikolaj Rantsews Tochter Oxana. Die 20-jährige Sprachenstudentin, der versprochen wurde, sie könne sich ihren Traum erfüllen und Übersetzerin werden, wurde von Russland nach Zypern gelockt. Drei Wochen nach ihrer Ankunft im März 2001 lag sie in Limassol tot auf der Strasse. Sie hatte versucht, von ihrer Arbeitsstelle in einem „Cabaret-Club“, der mit Übersetzen wenig zu tun hatte, zu fliehen, und war dabei aus einem Fenster im fünften Stock gestürzt.

Nach jahrelangem Kampf erzielte Nikolaj im Januar 2010 einen wichtigen Gerichtsentscheid vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Darin wurden Russland und Zypern für ihre Unfähigkeit, Oxana vor Menschenhändlern zu schützen, schuldig gesprochen und mussten zur Strafe 40000 beziehungsweise 2000 Euro zahlen. Lächerliche Beträge, doch Nikolaj geht es nicht ums Geld. „Ich will, dass potenzielle Opfer erfahren, wie es ihnen ergehen kann.“

Ariana konnte 2006 fliehen. Die heute 31-Jährige lebt in den Niederlanden, wo sie Burim verklagt hat. Irgendwie hat dieser die britischen Behörden dazu gebracht, ihm Asyl zu gewähren, und läuft nun in London frei herum. Ariana ist jetzt holländische Staatsbürgerin, hat Sprachkurse genommen und arbeitet als Reinigungskraft. „Ich habe eine andere Seite des Lebens zu sehen bekommen“, sagt sie, „und glaube langsam daran, dass ich ein Mensch bin.“

Ariana ist Mitglied der niederländischen Gruppe Samen Sterk (zusammen stark), die Menschen mit ähnlichem Schicksal hilft. „Kommt man aus der Unterwelt, ist es schwer, plötzlich mit Polizisten und Sozialarbeitern zu sprechen“, sagt Ariana. „Wir sind die Brücke, denn wir waren da unten.“

Für viele andere besteht kaum Hoffnung auf Entrinnen. Meist nehmen die Menschenhändler ihnen die Pässe ab und drohen, sie als Illegale anzuzeigen oder ihren Familien etwas anzutun. Wladimir konnte dann doch noch fliehen; mit Unterstützung von BLinN hat er die Menschenhändler verklagt. Doch die sind untergetaucht. „Die Polizei konnte die Verbrecher nie fassen“, sagt Sanne Kroon. „Jetzt haben wir den Kontakt zu Wladimir verloren. Wir wissen nicht, ob er sich wieder in den Händen der Sklavenhalter befindet.“

*Name von der Redaktion geändert

 

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