Julia Bosma hatte Angst.

Unablässig erhielt sie Nachrichten, im Onlinechat und per SMS auf ihrem Handy. „Halt deine Klappe!“, „Wir werden dir ins Gesicht schlagen!“, „Wir wissen, wo du wohnst ...“ Wo auch immer sie sich aufhielt, die Zwölfjährige konnte den Mädchen, die noch vor zwei Monaten ihre Freundinnen gewesen waren, nicht entkommen.

Julia hatte sich auf den Beginn der Mittelschule in der niederländischen Stadt Haarlem nahe Amsterdam gefreut. Sie hatte neue Freundinnen finden wollen, Mädchen, mit denen sie ihre Freizeit verbringen und die sie ins Vertrauen ziehen konnte. Und ein paar Wochen lang war auch alles bestens gewesen. Bis sich im Oktober, nachdem sie sich wegen einer Klavierstunde nicht mit ihnen in der Stadt hatte treffen können, plötzlich die ganze Gruppe gegen sie verschwor. Ein winziger Auslöser – zu einer riesigen Sache aufgebauscht.

In der Schule hatte man ihr Fahrrad kaputt gemacht, und in den Gängen wurde sie von hinten geschubst. Aber das eigentlich Zermürbende und Beängstigende waren die Gemeinheiten, die sie über digitale Kanäle erreichten – in der Schule, zu Hause, Tag und Nacht. Sie konnte nichts mehr essen, sie konnte nicht mehr schlafen, sie fühlte sich nicht mehr sicher. Was konnte sie tun?

Heutzutage findet Mobbing, das Piesacken und Quälen von Schwächeren, schon längst nicht mehr nur auf dem Schulhof statt. Wie Julia werden die Opfer nicht einmal mehr zu Hause in Ruhe gelassen. Ihre Verfolger nutzen mittels Smartphones, Laptops und Computerspielgeräten nach Lust und Laune das Internet, beobachten und bedrängen ihre Opfer und schicken ihnen zu allen Tages- und Nachtzeiten Nachrichten. Sie erstellen falsche Internetprofile und „hacken“ sich in bestehende.

„Ihre Kinder können diese Smartphones, die Sie ihnen gekauft haben, längst nicht nur dazu benutzen, miteinander in Kontakt zu bleiben. Sie können einander ausspionieren. Sie können Videos aufnehmen. Sie sind gefährlich“, sagt Bamber Delver von der Stiftung „De Kinderconsument“ (Stiftung Kinder als Verbraucher) und Mitverfasser des kürzlich erschienenen Buches De WIFI-generatie (etwa: die Online-Generation).

Europaweit durchgeführte länderspezifische Studien zeichnen ein beunruhigendes Bild:

  • In den Niederlanden gaben bei einer Befragung von 1250 Schülern fast ein Viertel der 12-Jährigen und 19 Prozent der 13- und 14-Jährigen an, schon einmal Opfer von sogenanntem Cybermobbing, also dem Belästigen mithilfe elektronischer Kommunikationsmittel, geworden zu sein. Von den Verfolgten haben sich nur 37 Prozent ihren Eltern anvertraut.
  • In Spanien kamen bei den 2101 befragten 11- bis 17-Jährigen 17,4 Prozent der Angriffe über das Handy und 22,5 Prozent über das Internet.
  • In Tschechien nahmen 12 500 Kinder im Alter von 11 bis 16 Jahren an einer Umfrage teil, von denen 59,4 Prozent Gemeinheiten aus dem Cyberspace zu ertragen hatten.
  • In Deutschland ergab eine im Juni 2011 veröffentlichte Befragung von 1000 Schülern zwischen 14 und 20 Jahren, dass 36 Prozent bereits einmal Zielscheibe für Cyber-Täter geworden sind.

Manche Geschichten sind zutiefst erschütternd. Zum Beispiel der Fall des zwölfjährigen Mädchens in Ungarn, das einfach nicht verstehen konnte, warum keiner etwas mit ihr zu tun haben wollte. Bis sie herausfand, dass jemand unter ihrem Namen bei einem sozialen Netzwerk ein Profil erstellt hatte, inklusive gemeiner Kommentare, die sie angeblich über andere abgegeben hatte.

Oder den Fall des 16-jährigen autistischen Jungen in den Niederlanden, der sich nicht wehren konnte, als Klassenkameraden ihn anderthalb Jahre lang mit bei YouTube eingestellten Videos schikanierten und bloßstellten. Als die Sache aufflog, gaben die Schuldigen lediglich an, sie hätten nicht gedacht, dass diese Website von Eltern oder der Polizei kontrolliert werden würde.

Oder die zehn Jahre alten Zwillinge im französischen Ort Bondoufle, deren Drangsalierungen in der Schule (geklaute Brille, verschwundene Schulhefte) sich plötzlich auch zu Hause fortsetzten, als ein Klassenkamerad ihnen diffamierende und beleidigende E-Mails schickte. „Ich habe das letzte Wort, du kleiner Idiot“, lautete eine. „Hör auf, so zu tun, als wüsstest du, wie man kämpft. Wenn ich dich mit meinem kleinen Finger stupse, liegst du schon am Boden.“

Cybermobbing ist leicht, sich dagegen wehren nicht, wie Julia in Haarlem herausfand. Die Zwölfjährige fühlte sich mit dem Problem alleingelassen. Nach zwei Monaten schließlich brach sie zusammen und rief ihre Mutter an deren Arbeitsstelle an. „Kann ich bitte zu dir kommen?“, fragte sie.

Janine und ihr Ehemann wussten, dass Julia Probleme hatte, hätten sich aber nie deren Ausmaß vorstellen können. Das würde sich schon wieder einrenken. Julia war intelligent und hatte einen starken Willen, sie würde sich schon selbst durchsetzen. Doch als ihre Tochter sie anrief, wurde Janine klar, dass sie Hilfe brauchte. „Die lassen mich einfach nicht in Ruhe“, schluchzte Julia. „Du musst stark bleiben und es deiner Lehrerin sagen. Sie muss wissen, was da los ist“, sagte Janine. „Aber alle werden mich dafür hassen!“, antwortete Julia.

Weil Kinder sich häufig scheuen, andere einzuweihen, ist es für Lehrer nicht leicht nachzuvollziehen, was im Cyberspace passiert. Geschweige denn, es in irgendeiner Form zu kontrollieren. „Die meisten Lehrer fühlen sich verantwortlich“, meint Heidi Vandebosch, Dozentin der Kommunikationswissenschaften an der Universität Antwerpen in Belgien. „Aber Schulen haben zu wenige Informationen darüber, welche Materialien sie verwenden könnten, um Schülerinnen und Schüler über das Problem aufzuklären. Zudem spricht zwar die Idee einer Kampagne gegen das (Cyber-) Mobbing viele Lehrer an, doch wird befürchtet, dass sie technisch so kompliziert wäre, dass sie die Fähigkeiten der Lehrkräfte übersteigt.“

In Frankreich weist der Mathematiklehrer Thierry Cadart darauf hin, dass der im Juni 2011 begangene Mord an einem 13-jährigen Mädchen aus der Nähe von Montpellier ein tragisches Beispiel dafür sei, warum Lehrer und Eltern sich mehr dafür interessieren sollten, was im Internet zwischen Schülern passiert. Nachdem das Opfer und eine andere Schülerin immer wieder in der virtuellen wie in der realen Welt über einen Jungen gestritten hatten, hatte der 14-jährige Bruder der Rivalin (der in seiner Altersklasse lokale Meisterschaften im Boxen gewonnen hatte) dem anderen Mädchen nach der Schule aufgelauert und sie geschlagen. Dabei hatte er ihr einen tödlichen Aufwärtshaken versetzt. Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft.

Wie bei dem Vorfall in der Schule im Raum Montpellier finden Bedrohungen in der virtuellen Welt nur zu oft auch ihren Weg in die Realität und schlagen in Gewalt um. Unlängst hat sich nahe der russischen Stadt Sankt Petersburg ein Fall ereignet, bei dem sich eine Gruppe von Jungs (alle unter 14 Jahre alt) über einen Zwölfjährigen ärgerte, weil dieser ihnen nicht das versprochene Bier gebracht und sogar noch zehn der mitgegebenen 60 Rubel (1,50 Euro) für den Kauf verloren hatte. Sie missbrauchten den Jungen sexuell, filmten das Ganze mit einem Handy und zeigten das Video anschließend ihren Freunden. Das Nachrichtenportal www.fontanka.ru stellte die Aufnahme sogar auf seine Website – was die Behörden veranlasste, eine Verwarnung auszusprechen, der erste Schritt vor der Zwangssperrung.

Bei einem anderen Vorfall im vergangenen März hatte ein 17-Jähriger in Berlin versucht, den Drangsalierungen, die seine Freundin seit Wochen hatte erleiden müssen, ein Ende zu bereiten. Nachdem das Treffen mit den Peinigern keine Lösung brachte, wurde der Freund des Mädchens von einer Gruppe Jugendlicher umzingelt, die ihn wiederholt traten, auch dann noch, als er bereits bewusstlos am Boden lag. Sechs Jugendliche erhielten eine Anzeige wegen tätlichen Angriffs mit Körperverletzung, nach den anderen Angreifern fahndet die Polizei noch.

„Die Welt hat sich verändert, sagt Cadart. „Die Handys und Smartphones sind kleiner geworden, die Schüler wissen damit umzugehen, und wir müssen den Rückstand aufholen.“ Sogar Lehrer können zur Zielscheibe werden. In einer 2010 durchgeführten Befragung an niederländischen Grund- und Sekundarschulen gaben 47 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer zu, „gelegentlich“ Opfer von Cybermobbing geworden zu sein.

Häufig werden sie dabei gefilmt, wenn sie von Schülern bis zum Nervenzusammenbruch gepiesackt werden, und das Video wird dann im Internet veröffentlicht. Manchmal werden die Gemeinheiten noch weiter auf die Spitze getrieben, wenn zum Beispiel Lehrerinnen und Lehrer in den Sanitärräumen der Schule gefilmt werden.

In Europa beschränken sich die derzeitigen Bemühungen, die Verfolgung und Drangsalierung im virtuellen Raum in den Griff zu bekommen, auf Aufklärung und Beratung. Sie haben zum Ziel, betroffene Kinder, Eltern, Polizisten und Lehrkräfte dafür zu sensibilisieren, welchen seelischen Schaden schon eine einzige böswillige SMS verursachen kann.

An der Prins-Bernard-Grundschule im niederländischen Dordrecht wurde im Jahr 2007 ein Intensivkurs zur Aufklärung über Cybermobbing ins Leben gerufen. Entwickelt von der Stiftung „De Kinderconsument“ richtet er sich an Kinder im Alter von zehn bis zwölf Jahren. „Wir versuchen den Schülerinnen und Schülern klarzumachen, wie schlimm es ist, unwahre Nachrichten zu erhalten oder solche mit Schimpfwörtern“, sagt der Rektor der Schule, Frank Wijnbeek. „Wir wollten, dass sie darüber nachdenken, was sie tun. Nach dem ersten Jahr hatten wir mit den nachfolgenden Jahrgängen weniger Probleme.“

2010 schlossen sich die Schüler einer Sprachenschule im tschechischen Prag mit denen der Elena-Farago-Schule im rumänischen Bukarest zusammen, um eine bilaterale „Anti-Mobbing-Charta“ aufzusetzen. Darin ist unter anderem eine Liste von zehn Handlungen im virtuellen Raum enthalten, die sie fortan zu vermeiden versprachen. Die Charta, die im Frühjahr 2011 von tschechischen und rumänischen Regierungsvertretern sowie Repräsentanten der UNESCO ratifiziert wurde, beinhaltet unter anderem das Versprechen, dass jeder Schüler ein „anständiger und vorbildlicher Benutzer des Internets“ sein wolle, der jederzeit die durch Eltern und Lehrer aufgestellten Regeln und Verbote beachten würde.

„Es war eine erstaunliche Erfahrung“, berichtet Matthew Moistner, ein Lehrer, der die Kinder während der Projektphase begleitete. „Zum Teil ging es auch darum, Eltern und Lehrer aufzuklären und zu informieren. Die Kinder haben uns wirklich eine Menge beigebracht!“

In einem Eintrag auf dem Internetblog der Charta warnt die aus Bukarest stammende Schülerin Miruna Tocileanu: „Wenn bis zu 700 Millionen (virtuelle) Mittäter rekrutiert werden können, um Kinder zu schikanieren oder zu quälen, ist die Gefahr seelischen Schadens sehr real und sehr ernst zu nehmen.“

Auch wenn das Internet der Raum ist, in dem Mobbing blüht, verbreitet sich die Einsicht, dass auch und gerade hier einer der Hauptschauplätze für den Kampf gegen das Phänomen liegen muss. 2009 unterzeichneten 17 soziale Netzwerke in Europa, darunter Facebook, Myspace, Bebo und das in den Niederlanden beliebte Hyves, eine Vereinbarung mit der Europäischen Kommission. Darin ist festgelegt, dass auf jeder Internetseite ein leicht zu findender Meldeknopf anzubringen sei, begleitet von Tipps für das Verhalten bei Angriffen durch Online-Peiniger.

Hyves hat beispielsweise einen Button auf seiner Homepage, der deutlich feststellt: „Das ist nicht in Ordnung“. Mit diesem können Benutzer sieben Tage die Woche Vorfälle von Mobbing melden. Zudem beschäftigt Hyves ein 20-köpfiges Team, das Mobbingopfer berät. „Allein im April dieses Jahres gingen bei uns 138 Berichte von Personen ein, die schikaniert wurden“, sagt Wouter Glaser von Hyves. Die Strafmassnahmen reichen von der vorübergehenden Deaktivierung eines Profils bis zur kompletten Sperrung der jeweiligen IP-Adresse.

In Frankreich hat sich Facebook prinzipiell dazu bereit erklärt, eine landesweite Übereinkunft zu unterstützen, mit der in Schulen über das Cybermobbing aufgeklärt und Schuldige bestraft werden sollen. Unterzeichnet wurde diese Übereinkunft im vergangenen Juni durch Bildungsminister Luc Chatel und Justine Atlan von „e-Enfance“, einer Organisation, die sich dem Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet verpflichtet hat. „Obwohl die seelischen Folgen manchmal ein Leben lang nachwirken können, besteht im Bereich Aufklärung zu diesem Thema noch ein beträchtliches Defizit“, so Justine Atlan.

Schauplatzwechsel. In Haarlem hatte Julias Lehrerin eine Aussprache der beiden Parteien arrangiert. Anwesend waren – neben einem Mediator – Julia und die Anführerin der Gruppe und damit diejenige, die die Regeln aufstellte und alle bestrafte, die sie nicht befolgten. Beim ersten Treffen saß das Mädchen da und verdrehte nur die Augen, als Julia dem Mediator davon berichtete, was sich ereignet hatte. Beim zweiten Termin ging sie zum Angriff über. „Du bist selbst schuld“, sagte sie zu Julia, „du hast alles falsch gemacht.“

„Aber was?“

„Einfach alles.“

Das Mädchen brachte es nicht fertig zuzugeben, dass sie selbst sich falsch verhalten hatte, aber von jenem Zeitpunkt an – und zu Julias großer Erleichterung – ignorierte sie diese komplett. Die mittlerweile 14-Jährige war übrigens von der Mediation so inspiriert, dass sie eine Schulung absolvierte und inzwischen selbst Gleichaltrige als Mediatorin begleitet.

Ihre Mutter fügt hinzu: „Wir sind so stolz auf Julia. Sie hat sich ihren Peinigern gestellt und diesen Abschnitt hinter sich gelassen. Und jetzt hilft sie anderen.“ Dennoch geht Janine Bosma von nun an auf Nummer sicher. Ihre drei Kinder besitzen internettaugliche Handys und sind in verschiedenen sozialen Netzwerken wie Facebook, Hyves und Twitter aktiv – zu viel, um alles lückenlos beobachten zu können. Aber sie hat sich darum gekümmert, dass die Sicherheitseinstellungen der jeweiligen Profile ihrer Kinder hochgesetzt wurden und kontrolliert ständig Julias Twitter-Aktivitäten.

„Ich finde ja, dass sie zu viele persönliche Informationen über sich preisgibt“, sagt Janine. „Etwa wenn sie sich über mich ärgert und twittert: ‚Meine Mama ist so blöd.‘ Aber diese Mama kommt nur ihrer Aufgabe als Erziehungsberechtigte nach.“

www.schuetzt-kinder-im-netz.ch

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