Pascale Bruderer ist eine Politikerin der Super-lative, aber nicht, weil sie grosse Töne spucken würde. Schon als sie 1997 gleich nach der Matura in ihr erstes politisches Amt gewählt wurde, war sie die jüngste Badener Einwohnerrätin. Als sie dann 2002 – nach nur einem Jahr im Kantonsparlament – wegen eines Rücktritts in den Nationalrat nachrücken konnte, stand sie aufgrund ihrer Jugend und Ausstrahlung erneut im Rampenlicht. Trotzdem hat sie nie abgehoben und stattdessen das Interesse an ihrer Person und den Goodwill genutzt, um für soziale Anliegen zu werben und gute Kompromisse zwischen den politischen Lagern zu stiften. Der Lohn für die Politologin und Unternehmensberaterin sind weitere Superlative: Zweimal wurde Bruderer im Aargau mit dem Bestresultat wiedergewählt – und Ende 2009 mit der höchsten Stimmenzahl (174) seit über 40 Jahren zur jüngsten Nationalratspräsidentin aller Zeiten gekürt.

Reinhold Hönle:Frau Bruderer, wie hat die Arbeit als Nationalratspräsidentin Ihre Wahrnehmung des Parlaments verändert?

Pascale Bruderer: Die Wahrnehmung blieb unverändert, aber die Perspektive hat sich verändert. Nach insgesamt 13 Jahren Parlamentsarbeit auf allen drei Ebenen – der kommunalen, kantonalen und nationalen – hatte ich genügend Erfahrungen gesammelt, um schnell in meine neue Rolle hineinwachsen zu können. Das Amt der Parlamentspräsidentin ist mehr eine Management-Aufgabe als eine politische Herausforderung. Die Sessionen müssen vorbereitet, Traktandenlisten abgearbeitet, Geschäfte abgeschlossen und der Zeitplan eingehalten werden. Als Parlamentarierin war mein Fokus viel mehr auf die politischen Inhalte gerichtet.

Frage:Gab es Überraschungen in Ihrer neuen Funktion?

Bruderer: Da man vor dem Präsidialjahr als zweite und erste Vizepräsidentin fungiert, kann man sich an die Aufgabe herantasten. Überraschungen gab es deshalb kaum, und die wenigen, die ich erlebte, waren positiver Natur. Zudem weiss ich als Politologin, was im Hintergrund läuft. Ein erfreuliches Beispiel ist die ausgezeichnete Teamarbeit. Der Nationalrat besteht aus zweihundert Mitgliedern; trotz dieser grossen Zahl gelingt es immer wieder, die relevanten Akteure zu versammeln, die ein Geschäft zu einem guten Abschluss führen können.

Frage:Was tragen Sie sonst noch dazu bei?

Bruderer: Als Präsidentin bemühe ich mich um eine optimale Vor-bereitung, damit der Arbeitsablauf im Parlament reibungslos vonstatten gehen kann. Diese Zusammenarbeit mit einzelnen, von Geschäft zu Geschäft wechselnden Ratsmitgliedern erlebe ich als durchwegs konstruktiv – selbst dort, wo unterschiedliche politische Positionen aufeinandertreffen.

Meine Rolle vergleiche ich gerne mit derjenigen einer Schiedsrichterin: Ist sie am Ende eines Matches nicht aufgefallen, hat sie ihren Job gut gemacht.

Es geht mir nicht darum, im Zentrum zu stehen, sondern im Hintergrund die Fäden zu ziehen. Unerlässlich ist dabei – gerade bei einem Milizparlament – die Unterstützung durch die hochgradig professionellen Parlamentsdienste.

Frage:Während den Debatten wird oft Zeitung gelesen oder telefoniert. Wie kamen Sie auf die Idee, die Nationalräte lautlos – mit einer Art Gelben Karte – zur Ordnung zu rufen?

Bruderer: Als Parlamentspräsidentin nimmt man die Unruhe im Saal vermehrt wahr. Es geht mir aber in erster Linie um die Besucher auf der Tribüne, welche die Ratsdebatten mitverfolgen wollen. Es ist für mich nicht akzeptabel, wenn man die Worte der Rednerin oder des Redners kaum versteht. Zwar liegt der Lärm unter jenem der Vuvuzelas, die wir von der Fussball-WM in Südafrika kennen – trotzdem ist konzentriertes Arbeiten im Ratssaal oft nicht möglich. Ausserdem trübt es den Eindruck, den das Parlament in den vermehrt auf SF Info übertragenen Debatten hinterlässt. Ich habe noch ei-nige weitere Ideen, die ich demnächst dem Büro des Nationalrats präsentieren werde.

Die angesprochene Gelbe Karte ist nicht gelb, sondern grau. Darauf ist ein Mobiltelefon abgebildet, und in der Textzeile heisst es ganz einfach: „Die Präsidentin dankt, dass im Saal nicht telefoniert wird.“ Sehen Parlamentarier, dass ein Weibel mit der Karte zu ihnen unterwegs ist, verlassen sie schon umgehend den Saal (lacht). Es funktioniert also!

Frage:Wie sind Sie mit 32 Jahren Nationalratspräsidentin geworden, wo doch zuvor nur altehrwürdige Personen für dieses Amt in Frage zu kommen schienen?

Bruderer: Es war nie mein Ziel, in jungen Jahren dieses Amt zu bekleiden. Es ist die Folge eines politischen Weges, der früh seinen Anfang nahm. Man wird von seiner Fraktion nominiert, und ich denke, mit meiner Nominierung wollte die SP ein klares Zeichen setzen: Politik ist offen für alle Generationen. Wichtig war, dass ich mit dem Ratsbetrieb schon gut vertraut bin und mich in der vermittelnden Funktion sehr wohl fühle. Tatsächlich erhalte ich nun im Amt von jungen und sehr jungen Menschen Zeichen der Wertschätzung. Sie fühlen sich motiviert, sich ebenfalls zu engagieren.

Frage:Sie stehen auch für die zunehmende Frauen-Power in der Politik.

Bruderer: Es macht mir grosse Freude, dass erstmals in der Geschichte der Schweiz die drei höchsten Präsidialämter in weiblicher Hand sind und ich ein Teil dieses Frauen-Trios bin, zumal die Zusammenarbeit mit Ständeratspräsidentin Erika Forster und Bundespräsidentin Doris Leuthard hervorragend klappt!

Frage:Haben Sie sich vor diesem Amtsjahr speziell abgestimmt?

Bruderer: Nein, es ging uns gleich wie den meisten Schweizerinnen und Schweizern: Plötzlich sahen wir uns mit dieser Konstellation konfrontiert. Zum Glück ist es heute keine Sensation mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen in der Politik ihren Platz gefunden haben – auch auf den Präsidialstühlen. Wir beschlossen nach unserer Wahl, einen speziellen Anlass zu organisieren. Im Februar fand der Begegnungstag für alle interessierten Schweizer Frauen statt. Er füllte zweimal das Bundeshaus und führte zu vielen guten Gesprächen.

Frage:Frauen, die etwas erreichen wollen, werden nicht nur von Männern gebremst. Wie steht es um die Frauensolidarität in der Politik?

Bruderer: Mein Eindruck ist, dass Frauen oft ganz allgemein Leistungen kritischer beurteilen – von Männern, von anderen Frauen und insbesondere ihre eigenen. Auch wenn die Kritik von Weggefährtinnen aufgrund der persönlichen Nähe manchmal im ersten Moment verletzend wirken kann: Ich habe diese im Endeffekt nie als verhindernd erlebt, sondern hinterfragend, nachfragend. Und sie verwandelte sich in Unterstützung, wenn ich mit Argumenten überzeugen konnte.

Frage:Bei der Besetzung von Führungspositionen kommen die Frauen in der Politik mehr zum Zug als in der Wirtschaft. Sind Sie für Quoten?

Bruderer: Leider scheint die wissenschaftliche Erkenntnis, dass es vorteilhaft wäre, mehr Frauen in Kaderpositionen zu befördern, kaum Früchte zu tragen. Wichtiger als Quoten scheint mir, die bestehenden Gesetze umzusetzen – zum Beispiel sollte endlich die Gleichberechtigung bei den Löhnen Einzug halten. Die Gesetze und die Einsicht, dass Frauen für gleiche Arbeit gleiche Bezahlung verdient hätten, sind zwar vorhanden, aber die Umsetzung klappt immer noch nicht. Wenn wir dieses Ziel erreicht haben, sollten wir uns Gedanken machen, wie man zusätzliche Anreize schaffen kann, um die heute schon sehr vielen bestens qualifizierten Frauen vermehrt in Führungspositionen zu bringen. Ein höherer Frauenanteil wäre ein Gewinn für die Wirtschaft und die ganze Gesellschaft.

Frage:Zurück zum Parlament: Geht man Ihrer Meinung nach genügend auf die Argumente der Gegen-seite ein – oder dominieren Lobby-isten, die nur ihre vorgefassten Standpunkte vertreten?

Bruderer: Ich finde, die Ratsmitglieder sollten auf ihre Unabhängigkeit grossen Wert legen und ihre in Gesprächen und Gremien gebildete Meinung frei von Interessenbindung äussern. Die Zusammenarbeit über die eigene Parteigrenze hinweg muss erlaubt sein. So funktioniere ich selber, und meine Wahrnehmung im Bundeshaus ist, dass es in jeder Partei Menschen gibt, die genauso denken und agieren. Mit diesen Leuten macht die Zusammenarbeit viel Freude. Man kann sich auf sie verlassen und erreicht am Ende mehr. Insbesondere in der Gesundheitspolitik und der Bankenregulierung sind die Lobbys jedoch sehr, sehr stark.

Frage:Wäre ein Berufspolitikersystem besser?

Bruderer: Alles hat Vor- und Nachteile. Mein Herz schlägt aber eindeutig für unser Milizsystem. Wenn wir das nicht hätten, wäre ich kaum Parlamentarierin, da mich die Politik allein nicht glücklich machen könnte. Speziell jüngeren Leuten bietet unser System die Möglichkeit, früh in die Politik einzusteigen, ohne sich den beruflichen Weg zu verbauen. Leider bringt die stetig wachsende Arbeitsbelastung jedoch das Milizsystem immer mehr an seine Grenzen.

Ich denke, es kann auf die Länge nur beibehalten werden, wenn das Umfeld des Milizparlaments verstärkt professionell ausgestaltet wird. Es wird sonst immer schwie-riger, Beruf und Politik unter einen Hut zu bringen. Ich spüre ja auch selber, welch grosse Herausforderung das ist. Wie sonst eines Tages auch noch eine Familie unter die-sem Hut Platz finden könnte, ist mir schleierhaft.

Frage:Gab es in Ihrer Jugend Persönlichkeiten, die Sie mit ihrem Charisma für die Politik begeisterten?

Bruderer: Ich kann keine Ein-zelperson nennen, die für mich Vorbild war. Es waren vielmehr herausragende Charaktereigenschaften von Persönlichkeiten, die mich beeindruckten und antrieben, etwa die Herzlichkeit und Wärme, die sich Bundesrätin Ruth Dreifuss trotz des eher kühlen Politbetriebs bewahren konnte.

Mein Weg in die Politik war auch sehr untypisch. Einerseits entstamme ich einer unpolitischen Familie, anderseits entschloss ich mich für den Einwohnerrat Badens zu kandidieren, als ich noch gar nicht wusste, für welche Partei. Ich wollte zeigen, dass sich auch die junge Generation für Politik interessiert. Ich setzte mich mit drei Parteien zusammen und fand heraus, dass die SP am besten zu mir passt.

Frage:Was fasziniert Sie am Politisieren?

Bruderer: Auf den Geschmack kam ich in der Kantonsschule Wettingen, wo ich Präsidentin der Schülerorganisation war. Richtig Feuer fing ich im Einwohnerrat, wo ich merkte, wie viel Freude es mir macht, mit andersdenkenden Menschen zu diskutieren und ein Geschäft zum Abschluss zu bringen. Ein wesentlicher Aspekt, der mich damals schon beschäftigte, ist die Frage, wie man Beschlüsse nach aussen transportieren kann. Die Brücke zu schlagen vom Parlament zur Bevölkerung ist mir auch in meinem Präsidialjahr ein wichtiges Anliegen.

Frage:Könnten Sie sich nach dem Rücktritt von Moritz Leuenberger auch vorstellen, Bundesrätin zu werden, oder müsste zuerst eine Regierungsreform stattfinden?

Bruderer: Auch als Politologin finde ich, es sei höchste Zeit, in Sachen Regierungsreform Nägel mit Köpfen zu machen. Ob ich mich für die Nachfolge von Bundesrat Moritz Leuenberger als Kandidatin zur Verfügung stellen werde, lasse ich mir nun in aller Ruhe durch den Kopf gehen. Wie bereits erwähnt, freut es mich, nebst Politik auch noch eine spannende berufliche Tätigkeit ausüben zu können – als Geschäftsführerin der Krebsliga Aargau.

Frage:Teilen Sie diese Funktion mit Ihrer Schwester?

Bruderer: Nein, Sabine und ich haben eine GmbH gegründet, die Geschäftsführung und PR für Nonprofit-Organisationen (NPOs) anbietet. Das Mandat der Geschäftsführung bei der Krebsliga Aargau übe jedoch ausschliesslich ich aus.

Frage:Sie müssen momentan auf einige Dinge verzichten. Was lassen Sie sich unter keinen Umständen nehmen?

Bruderer: Die Zeit für mein engstes privates Umfeld. Ich bin nicht nur sehr gern mit meinen Leuten zusammen, sondern kann dabei auch prima Kraft tanken. Schon früh musste ich feststellen, dass es sich rächt, wenn ich meine Freizeit zu stark beschneide. Lust, Feuer und Kraft für meine Aufgaben kommen mir dann abhanden. Die spontanen Treffen zum Kaffee liegen dieses Jahr allerdings nicht drin – zu voll ist die Agenda. Es ist schon gewöhnungsbedürftig, dass bereits im März der Rest des Jahres ausgebucht war. Aber die Prioritäten 2010 sind für mich klar: das Amt, das Parlament, das Land.

Frage:Achten Sie nun besonders auf Fitness und gesunde Ernährung?

Bruderer: Ich fürchte, meine Ernährung ist dieses Jahr schlechter als sonst. Besonders während der Session ist mein Schoggi-Konsum überdurchschnittlich (lacht). Schwarze Schoggi ist mein Geheimrezept, um schnell wieder konzentriert zu sein – plus Nüsse und Dörrfrüchte: Nervenfood eben. Wegen der vielen Sitzungen kommt die Bewegung viel zu kurz. Zunehmende Knieprobleme erlauben es mir ohnehin nur noch massvoll Sport zu treiben. So bin ich vom Handball auf sanftere Sportarten wie Wandern und Langlaufen umgestiegen. Nächstes Wochenende machen wir mit der Familie die Surenenpass-Wanderung von Attinghausen nach Engelberg. Ausserdem muss ich mir für die Spaziergänge mit meinem Hund Zeit nehmen.

Frage:Wie organisieren Sie und Ihr Ehemann Urs Wyss, der im Management von Ticketcorner tätig ist, den Alltag? Wie kommt er damit klar, dass Sie mehr im Rampenlicht stehen?

Bruderer: Wir machen normalerweise etwa gleich viel im Haushalt, momentan übernimmt Urs wegen meines Amtes sogar mehr. Für ihn ist es selbstverständlich, dass er auch zuhause seinen Beitrag leistet. Er freut sich über mein Engagement und hat keinerlei Probleme, nicht im Rampenlicht zu stehen. Er weiss, wie viel Kraft es kostet, häufig exponiert zu sein. Urs ist für mich eine wichtige Stütze, und ich glaube, es gelingt mir im Gegenzug auch, ihn im beruflichen Alltag zu unterstützen.

Wir sind sehr unterschiedlich: Er ist der ruhende Pol in unserer Beziehung. Da kann ich viel von ihm lernen, muss es auch. Es fällt mir nicht leicht, an freien Tagen abzuschalten und loszulassen.

Frage:In Ihrer Karriere schien es bisher immer aufwärts zu gehen. Gab es auch Rückschläge?

Bruderer: Sicher, auf den verschiedensten Ebenen. Meine Mutter erkrankte an Krebs, als ich noch in die Kantonsschule ging. Mitzuerleben, wie sie kämpfte, wieder gesund wurde und der Familienzusammenhalt dabei wuchs, waren Erfahrungen, die mich geprägt haben. Es gab aber auch auf dem politischen Weg schwierige Momente. Ich messe meine Karriere nicht nur an den Ämtern, die ich bekleide, sondern vor allem an den Inhalten, denen ich zum Durchbruch verhelfen kann. Und da gehöre ich mit der SP oft nicht zur siegreichen Mehrheit. Dann frage ich mich, ob ich die Argumente besser hätte rüberbringen können. Verständlichsein ist für mich – vielleicht auch wegen meiner gehörlosen Verwandten – in der Politik und im Leben überhaupt etwas Essenzielles.

Frage:Wie haben Sie die Zeit in Erinnerung, als sich alle Medien auf die jüngste und erst noch attraktive Nationalrätin stürzten?

Bruderer: Ich versuchte mich davon nicht zu stark belasten zu lassen. Mir war von Anfang an bewusst, dass im Nationalrat goutiert wird, wenn man sich nicht zu jedem Thema meldet, sondern nur dort, wo es einem wichtig und die Kompetenz vorhanden ist. So hatte ich in den Kommissionen und bei der Bevökerung nie ein Problem, obwohl die Medien natürlich Freude am Superlativ „die Jüngste“ hatten und dieses Etikett gerne bemühten. Ich versuchte, die medialen Plattformen zu nutzen, um meine Anliegen als Politikerin deutlich zu machen. Noch heute sprechen mich Gehörlose im Tram oder Zug in Gebärdensprache an und wissen die Schweizer, dass ich mich für die Gleichstellung und Integra-tion von Menschen mit einer Behinderung einsetze.

 

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