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Maultaschen mit Fleisch-Spinat-Füllung fertig in 1 Std. 15 Min. |
Reisen wie ein Maharadscha

Im Bahnhof von Neu-Delhi herrscht wie immer Gedränge. Barfüssige Bauern eilen mit Lasten auf den Köpfen die Perrons entlang, suchen in überfüllten Waggons nach freien Plätzen. Feine Städter, die schon sitzen, streiten mit Lastenträgern. Bettler singen. Händler preisen Ware an. Zwischen Gepäck schlafen Passagiere am Boden.
Dagegen ist wenige Kilometer weiter, im Diplomatenviertel der indischen Hauptstadt, der Bahnhof Safdarjung bei meiner Ankunft fast menschenleer. Ein Bläser und ein Handtrommler spielen. Eine junge Frau hängt mir eine Blumengirlande um, setzt mir einen roten Turban auf und tupft mir einen zinnoberroten Punkt auf die Stirn. Ein Zugbegleiter in schwarzer Jodhpurhose und weisser Jacke nimmt mein Gepäck und hilft mir in den elfenbeinfarbenen Zug, der einsam am Perron steht. In einer Lounge-Bar sinke ich in einen mit grüner Seide bezogenen Sessel. Ich nehme ein Glas kühlen Weisswein entgegen und erkenne mich verblüfft in den Deckenspiegeln.
Endlich sitze ich im „Palast auf Rädern“, dem exotischsten Zug der Welt – auf Entdeckungsreise durch Indiens exotischsten Unionsstaat. Eine Woche lang werden wir durch Städte, Wüsten und Dschungel schaukeln, durch Festungen, Paläste und Tempel bummeln, auf Elefanten und Kamelen reiten und in einem Reservat sogar nach Tigern Ausschau halten. Am Ende bestaunen wir dann den Tadsch Mahal – alles ohne ständige Formalitäten, ohne Packen, lästige Flughafenkontrollen und un-sichere indische Landstrassen. Besser kann man nicht reisen. Ich leere mein Glas und werde von einem Zugbegleiter zu meinem Abteil eskortiert. Als er sich zum Gehen wendet, bitte ich um den Schlüssel.
„Nicht nötig, Sir“, erklärt er mir. „Paläste werden nie abgeschlossen.“
In den beiden Bordrestaurants treffen die Fahrgäste zum Abendessen ein. Mitte April ist es schon bis zu 40 Grad heiss. Von den über hundert Plätzen im klimatisierten Zug ist nur die Hälfte besetzt – unter anderem mit einem pensionierten norwegischen Ölmanager, einem englischen katholischen Priester, einem Australier mit indischen Wurzeln, einem afroamerikanischen Vermögensverwalter, einem deutschen Narkosearzt, einem südafrikanischen Exporteur von Meeresfrüchten und einem Schweizer IT-Ingenieur.
Meist sind es wohlhabende Ehepaare mittleren Alters. Mein Abteil kostet 530 Franken pro Nacht. Der Priester sagt mir, dass ihn die Reise die Hälfte seiner Ersparnisse kostet. Auch eine gebrechlich wirkende Engländerin mit Familie ist dabei. Eine Tochter, deren Mann und zwei neun- und zwölfjährige Enkelkinder begleiten sie. Sie hat ihnen die Reise geschenkt, weil sie ihren Mann in seinen letzten Lebensjahren mit betreuten.
Nachts rumpelt der Zug unserem ersten Halt entgegen – Jaipur. Vielen Fahrgästen fällt das Schlafen schwer, wie ich später erfahre: An das Schaukeln gewöhnen sich manche erst nach einigen Nächten.
Der Name „Palast auf Rädern“ kommt nicht von ungefähr. In ihm reisten einst die indischen Maharadschas und britischen Vizekönige durch ihr Land. Als Indien Mitte des 20. Jahrhunderts eine demokratische Republik wurde, stutzte man dem Adel die Flügel. Die königlichen Salonwagen verrotteten. Anfang der 80er-Jahre beschlossen findige Regierungsbeamte Rajasthans, einige der altehrwürdigen Waggons zu restaurieren. Vorbild war der europäische Orientexpress. Wohlhabende Ausländer sollten das prächtige Kulturerbe des Unionsstaates im Luxuszug erleben.
Derzeit reisen jedes Jahr während der achtmonatigen Betriebszeit 3500 Touristen durchs Land. Die Nachfrage ist vor allem in der Hochsaison im Dezember und Januar gross. Hauptattraktion war zunächst die Dampf-lokomotive. 1991 wurde der Zug erstmals ersetzt, der nun königlichen Pomp mit moderner Technik kombinierte. Vier Jahre später – nach Verbreiterung der Spurweite – kam die dritte, aktuelle Generation. Leider mit Diesellok.
Früher Morgen in Jaipur, unserer ersten Station. Ein kleiner Elefant mit bunt gepudertem Gesicht begrüsst uns rüsselschwingend. Die Stadt wurde in den späten 1720er-Jahren von Maharadscha Jai Singh II. gegründet. Dieser ungewöhnliche Monarch und Krieger war auch Mathematiker und Astronom. Ende des 19. Jahrhunderts arbeitete hier Rudyard Kipling als Zeitungskorrespondent. Der Verfasser des Dschungelbuchs fragte sich, ob „ein Jahr genügen würde, um alles Interessante ganz auszukosten“. Heute ist Jaipur Rajasthans politische und wirtschaftliche Hauptstadt und hat nichts von seiner Faszination verloren.
Unser Bus fädelt sich zwischen Autos, Motorradrikschas, Karren, Kühen, Hunden, Kamelen, Velos und Fussgängern ein und bringt uns zu einem Hindutempel aus weissem Marmor.
Der 20 Jahre alte Tempel zeigt die Neigung des Hinduismus zum Universellen. Neben den Hindugottheiten sind Buddha, Christus, Konfuzius, Sokrates und Zarathustra dargestellt.
Als Nächstes besuchen wir ein Observatorium, das Maharadscha Jai Singh II. errichten liess. Eine Sonnenuhr, umgeben von weissem Marmor, ist mit 22 Meter Durchmesser die grösste der Welt. Im Palast nebenan faszinieren mich zwei über 1,50 Meter hohe Silberurnen. Sie wurden für einen strenggläubigen Maharadscha im 19. Jahrhundert angefertigt. Mit heiligem Gangeswasser gefüllt, nahm er sie auf eine Reise nach England mit, um sich auch unterwegs rituell zu reinigen!
Wir fahren aus der Stadt hinaus. Am Fuss eines Berges erwarten uns Elefanten, auf denen wir zu einem Palast hinaufreiten werden. Als wir aus dem Bus steigen, taucht ein Knabe auf, sechs- oder siebenjährig. „Zauberei, Zauberei!“, ruft er. Der wird mir nichts vormachen können, denke ich und fordere ihn zur einer Vorstellung auf. Sofort zieht er mir Münzen aus Nase, Ohren und Handknöcheln. Obwohl ich ihn scharf beobachte, komme ich seinem Trick nicht auf die Spur.
„Wo hast du das gelernt?“, frage ich.
„Bei meinem Vater“, sagt er. Trotz seines gerühmten Wirtschaftswachstums hält Indien bei der Kinderarbeit noch immer einen traurigen Rekord.
Nach einem Klopfen an meiner Abteiltür tritt unser Begleiter Laxman Singh mit Tee und Keksen ein. „5.15 Uhr, Sir“, sagt er. „Schon?“, stöhne ich.
„Tut mir leid, aber die Tiger warten.“ Eine halbe Stunde später fahren wir zum Ranthambore-Nationalpark, einem der bekanntesten indischen Tigerreservate. 39 wurden zum Schutz der bedrohten Grosskatzen eingerichtet, leider mit mässigem Erfolg. Indiens Tigerpopulation schrumpfte stetig auf heute 1410 Exemplare. In Ranthambore sind es weniger als 40.
Frühmorgens kommen wir im Park an. Doch auf der zweistündigen Fahrt sehen wir unter anderem Pfauen, Rehe und Paviane, aber keinen Tiger. Später tröstet mich Laxman Singh. „Sie werden wiederkommen und gewiss einen Tiger sehen.“ Das Zugpersonal im Palast auf Rädern ist nach einhelliger Meinung unbezahlbar. Die Männer servieren uns rund um die Uhr Tee, Drinks, Essen, überreichen uns gekühlte Handtücher, tragen Gepäck – alles mit Würde und Anmut.
In den folgenden drei Tagen besuchen wir Udaipur mit seinen glitzernden Seen, dann Jaisalmer, eine Stadt aus goldfarbenem Sandstein in der Wüste Thar, und Jodhpur, einst Hauptstadt von Rajasthans grösstem Königreich. Die dortige Marwari-Kaste stellte Indiens findigste Geschäftsleute.
Am vorletzten Tag bewundern die Zugreisenden die Schönheit des Tadsch Mahal. Vor wenigen Jahren hatten sich zwei Passagiere im Zug kennengelernt und waren von dem Bauwerk so ergriffen, dass sie sich davor verlobten.
„Wann haben sie geheiratet?“, frage ich den Leiter des Zugbetriebs.
„Ich gab ihnen meine Adresse“, sagt er. „Ich bat sie zu schreiben, um ihnen ein Geschenk schicken zu können. Aber ich habe nie wieder von ihnen gehört.“
Vielleicht war fernab jenes Zaubers ihre Liebe erkaltet. Leider müssen die Reisenden auch heute diese Märchenwelt verlassen und am nächsten Tag in die Realität zurückkehren.
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