Die Schwäne, die auf dem glatten Wasser dösen, geben dem Bodden zwischen Rügen und Hiddensee die trü-gerische Harmlosigkeit eines Tümpels. Doch die Ostsee hat noch ein anderes Gesicht. Im Herbst toben Stürme mit Windstärke zehn. „Dann schlagen die Wellen bis zu vier Meter hoch“, sagt Erich Albrecht, ehrenamtlicher Seenotretter. Selbst gestandene Seeleute geraten dann bisweilen in Lebensgefahr. Wenn der Alarm aus der Zentrale der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger in Bremen kommt, eilen Albrecht und seine Männer aus allen Ecken der Insel Hiddensee zum Hafen von Vitte und an Bord der Nausikaa.

50- bis 60-mal pro Jahr jagt das Rettungsboot mit zwei oder drei Mann Besatzung aufs Meer hinaus, um Kutter mit Motorschäden abzuschleppen oder auf Grund gelaufene Segler in den Hafen zu ziehen. Fünf- bis sechsmal fischen sie auch Menschen aus dem Wasser. Wenn in kalter See die Körpertemperatur sinkt, zählt jede Sekunde. So wie im vorigen Jahr, als der Notruf eines Bootes einging. „Sechs Angler waren fünf Meilen nordwestlich von Hiddensee mit ihrem Kutter abgesoffen“, erzählt Albrecht, „wir sind raus und haben sie aus dem Wasser gezogen.“

Wie gut, dass Albrecht auch mit 63 Jahren noch immer einen Handschlag hat wie Popeye, der bärenstarke Comic-Seemann. Wie gut auch, dass die Nausikaa – ein nur zehn Meter langes und 3,60 Meter breites Kraftpaket – mit allem vollgestopft ist, was Leben retten kann: Aus einem Kasten zieht der Seeretter ein Sauerstoffgerät hervor. Unter einer Liege fischt er nach einer Vakuummatratze, die so aufgepumpt wird, dass man Verletzte, von Styroporflocken fixiert, sicher transportieren kann.

Jeder Retter ist in Erster Hilfe geschult. „Wir müssen auf alles vorbereitet sein: Herzinfarkte, Brüche, Angler, die sich einen Haken ins Auge gejagt haben“, sagt Albrecht. Die meisten seiner 16 Männer sind Fischer. Kennen jede Sandbank in den umliegenden Gewässern, und sie sind oft im Hafen, wo sie schnell in die Rettungswesten schlüpfen können. Albrecht hat auch den Inselarzt für sein Team gewonnen. Bei heiklen Einsätzen fährt der mit raus.

Erich Albrecht ist auf der Insel für die Wasserversorgung zuständig, wartet für eine Firma Kläranlagen und Leitungen. Aber sein Arbeit-geber akzeptiert, dass er regelmäßig zum Schutzengel wird, wenn er gerufen wird.

Zu DDR-Zeiten fuhr Albrecht auf dem Eisbrecher Eisvogel bis ans Schwarze Meer. Manchmal war er sechs Wochen lang unterwegs, die See hat ihn seither nicht losgelassen. Auch wenn er heute an Land arbeitet – ehrenamtlich absolviert er Lehrgänge für Seeretter in Rettungs- oder Schifffahrttechnik, schreibt Dienstpläne, repariert und wartet mit den anderen das Boot, beobachtet auf Kontrollfahrten, wie sich die See verändert, wo neue Untiefen oder Sandbänke entstehen.

„Wer retten will, muss sein Revier kennen“, sagt Albrecht und erzählt von drei Männern, die nachts orientierungslos auf der Ostsee trieben, weil ihr Motor ausgefallen war. Per Handy sprachen sie mit Albrecht. „Ich hab gesagt: Schmeißt eine Leine ins Wasser und messt die Tiefe. Und leuchtet mit dem Scheinwerfer in den Himmel“, erzählt er. „Die haben gefragt: Wat soll dat denn?“ Aber sie folgten seiner Anweisung und maßen 20 Meter Wassertiefe. Die entscheidende Information. Albrecht wusste, dass die Ostsee an einer bestimmten Stelle von 17 auf 20 Meter abfällt. Die Retter fuhren die Stelle ab – und entdeckten den Lichtstrahl.

Im Hafen von Vitte ist Albrecht eine Institution. Alle paar Sekunden ein „Moin“, Albrecht schüttelt Hän­de, schnackt mit einem Mann im Blaumann. Hiddensee ist eine kleine Insel. Ohne Menschen wie Albrecht wäre das Leben hier weit gefährlicher: Die Nausikaa ist nicht nur für Schiffbrüchige im Einsatz. Immer wieder transportieren die Seeretter Kranke oder Verletzte hinüber nach Rügen, wo sie am Hafen mit dem Rettungswagen abgeholt und ins Krankenhaus gebracht werden.

Gemeinsinn ist auf Hiddensee nichts Besonderes, sondern Erbgut, über das man keine großen Worte verliert. Die Geretteten sehen das anders. Im roten Backsteinhaus, der Station der Seeretter von Vitte, lächeln Kerstin und Martin aus einem Bilderrahmen. Das Ehepaar aus Greifswald war mit einer Jacht fünf Meilen vor der Insel unterwegs, als es einen fürchterlichen Knall hörte. In der Kajüte brach Wasser ein, die beiden schickten einen Notruf ab. Die Retter zogen das Paar kurze Zeit später an Bord. „Wir bedanken uns für die schnelle und umfangreiche Hilfe“, haben die Geretteten an Erich Albrecht und seine Männer geschrieben. Albrecht guckt kurz auf das Foto, mit einem Blick, der sagt: „Nicht der Rede wert.“

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