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So halten Sie Ihre grauen Zellen fit
Lässt Ihr Gedächtnis Sie manchmal im Stich? Keine Angst: Gegen Vergesslichkeit ist mehr als ein Kraut gewachsen!
By ANKE NOLTE
Wie viele Wörter können Sie aus dem Wort „Lakritzschnecke“ bilden? „Lakritz“ und „Schnecke“ sind einfach, etwas schwieriger schon Zeh, Ritze, Lack, Schnee, kratzen. Wie viele schaffen Sie? Die 68-jährige Anita Rehkatsch kommt auf 161 Wörter! Einmal die Woche geht die Berlinerin zum Gedächtnistraining, wo sie mit Denksport ihr Hirn in Hochform bringen möchte. „Mit zunehmendem Alter merkt man schon, dass man immer öfter Namen vergisst oder dass man nicht mehr weiß, wo man zum Beispiel den Schlüssel hingelegt hat“, berichtet die ehemalige Verwaltungsangestellte, die seit einigen Jahren Rentnerin ist. „Aber das sehe ich nicht so tragisch: Das geht allen so, und ich kann auch etwas dagegen tun.“
Das Gehirn lernt immer
Das Gedächtnis lässt tatsächlich schon ab Mitte 20 nach. Je älter wir werden, desto langsamer können wir neue Informationen aufnehmen und verarbeiten. Es fällt uns schwerer, uns viele Details wie Namen, Telefonnummern oder präzise Einzelheiten eines jüngst passierten Erlebnisses zu merken.
Wissenschaftler sprechen von der „Mechanik des Geistes“ oder von der „fluiden Intelligenz“, die sich mit dem Alter verschlechtert. „Doch was ich an Schnelligkeit verliere, kann ich mit Wissen und Erfahrung ausgleichen“, erklärt Professor Ursula Staudinger, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Als Altersforscherin ist sie an der staatlich anerkannten Jacobs University in Bremen tätig. Die Psychologin weiß aus den Befunden der kognitiven Entwicklungspsychologie, dass sich diese „Pragmatik des Geistes“ bis in die mittleren Lebensjahre verbessert und dann bis ins hohe Alter erhalten bleibt. „Weil die eine Fähigkeit das Nachlassen der anderen kompensiert, kommen die Einbußen des Gehirns im Alltag sehr lange gar nicht zum Tragen“, sagt Staudinger.
Doch auch dieser Abbau der geistigen Fähigkeiten lässt sich verlangsamen. „Im Gehirn können sich jederzeit – auch im Seniorenalter – neue Nervenzellen oder neue Dendriten bilden“, erläutert die Expertin. Dendriten sind kleine Auswüchse an der Nervenzelle, über die das Neuron – so der Fachbegriff für Nervenzelle – Informationen aufnimmt, die andere Neuronen versenden. Neuronen und Dendriten bilden sich, wenn der Mensch ein anregendes Leben führt.
„Suchen Sie sich kognitive Herausforderungen, konfrontieren Sie sich möglichst oft mit Neuem“, betont Staudinger. Das können neue Menschen sein, auf die Sie sich einstellen müssen. Oder lernen Sie eine Fremdsprache, zu der Sie sich hingezogen fühlen. Machen Sie nicht immer Urlaub an demselben Ort, sondern suchen Sie die Abwechslung. „Neben der Konfrontation mit vielfältigen neuen Dingen ist auch die Tiefe der kognitiven Verarbeitung wichtig, um das Gehirn aktiv zu halten“, betont die Expertin.
Das heißt zum Beispiel: Wenn Sie die Zeitung lesen, rekapitulieren Sie danach noch einmal, was Sie da erfahren haben. Sprechen Sie mit Freunden über ein Buch, das Sie besonders begeistert. Tauschen Sie sich nach einem Konzert oder einem Film mit anderen darüber aus, was Sie gehört, gesehen, gefühlt, verstanden haben. Auch mit einer Arbeit, die Sie intellektuell fordert, tun Sie etwas für den Erhalt Ihrer geistigen Leistungsfähigkeit.
Mit Denksport fit bleiben
Viele, die gezielt ihr Gedächtnis auf Vordermann bringen wollen, wenden sich – wie Anita Rehkatsch – dem Gehirnjogging zu. Als Erfinder dieses Begriffs gilt der Psychologe Dr. Siegfried Lehrl, Vorsitzender der Gesellschaft für Gehirntraining. Er hat vor über 20 Jahren begonnen, ein fundiertes Gehirntraining zu entwickeln, das heute „Mentales Aktivierungs Training MAT“ heißt. „Es handelt sich dabei um kleine mentale Aufgaben, die das Hirn in einen optimalen Wachheitszustand bringen sollen“, erklärt Lehrl.
Nach diesen Aufwärmübungen sei das Hirn dann fit für die geistigen Anforderungen im Alltag. „Durch das Training vergrößert sich die kurzfristige Merkspanne, und die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung steigt“, sagt der Psychologe. Er betont, dass damit nicht direkt das Gedächtnis verbessert wird, sondern die Leistungen des Arbeitsspeichers – als Voraussetzung für gute Gedächtnisleistungen.
Einen „Frischekick“ für die grauen Zellen soll auch das Gehirnjogging bieten, das der japanische Neurowissenschaftler Dr. Ryuta Kawashima zusammen mit Nintendo, einem Hersteller von Spielkonsolen, entwickelt hat. Der 22-jährige Thomas Schröter, der in Würzburg Englisch und Philosophie studiert, spielt es jeden Abend etwa 15 Minuten. „Ich interessiere mich auch sehr für Mathematik und möchte mit Dr. Kawashimas Gehirnjogging verhindern, dass mein logisches Denken einrostet“, erzählt er. Einen Anreiz bietet das Programm, indem es nach dem Lösen der Aufgaben das „Gehirnalter“ berechnet. „Mein Gehirn war anfangs 73 Jahre alt, das war ein Schock“, sagt Schröter. Doch inzwischen hat sich der Student auf sein eigentliches Hirnalter eingependelt. Er glaubt, dass sich der Denksport auch positiv auf sein Studium auswirkt: „Das Vokabellernen geht erheblich schneller.“
Genau das bezweifeln viele Kognitions- und Neurowissenschaftler: „Es gibt kaum Belege dafür, dass sich die Fertigkeiten, die man durch das Gehirntraining erwirbt, auf andere geistige Leistungen im Alltag übertragen lassen“, berichtet die Bremer Altersforscherin Staudinger.
Das heißt: Wenn Sie Texte auf den Kopf gestellt lesen, 20 Städte mit dem Anfangsbuchstaben K finden, eine Rechenaufgabe lösen, auf zehn Synonyme für das Wort „Geld“ kommen – dann werden Sie besser in genau dieser speziellen Aufgabe. Ob Sie sich durch diese Übungen zum Beispiel generell besser Namen oder Nummern merken können, bleibt dahingestellt.
„Deshalb sollten Sie vor einem Gehirn- oder Gedächtnistraining genau analysieren, was Sie nicht so gut können und welche Fähigkeit Sie trainieren möchten“, rät Professor Hans Georg Nehen. Er ist Direktor der Memory-Clinic am Essener Elisabeth-Krankenhaus, einer ambulanten Beratungsstelle für Menschen mit Gedächtnisproblemen, und erster Vorsitzender des Bundesverbandes Gedächtnistraining. Sowohl dieser Verband als auch die Gesellschaft für Gehirntraining bilden Trainer aus, die in ganz Deutschland Denksport-Gruppen anbieten.
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