Es war eine ganz alltägliche Situation. Karina Wisniewska wollte eine Etikette an einem Kleidungsstück entfernen, nahm eine Küchenschere und gab beim Schneiden etwas mehr Druck. Der Schnitt ging bis auf den Knochen des linken Mittelfingers. Immerhin konnte sie (das war vor zehn Jahren) noch selbst zum Nähen ins Spital fahren. Während die kleine Narbe, die zurückblieb, die meisten Leute nur zu mehr Vorsicht im Haushalt mahnen würde, erinnert sie die in Bern aufgewachsene Künstlerin an den grossen Wendepunkt in ihrem Leben: Aus der mehrfach ausgezeichneten Konzertpianistin wurde eine international erfolgreiche Malerin.

„Da die Nervenbahnen im Finger durchtrennt waren, dauerte es über ein Jahr, bis ich das nötige Feingefühl beim Anschlag der Tasten so weit wiedererlangt hatte, dass ich 2001 meine zehnte CD aufnehmen konnte“, erzählt Wisniewska. „Doch während meiner Rekonvaleszenz entwickelte sich die Malerei, die ich früher nur als Hobby betrieben habe, zu einer Passion. Bald war für mich klar: Ich wollte mein altes Leben nicht mehr zurück.“

Die damals 33-Jährige, die als Tochter eines Schweizer Diplomaten und einer polnischen Mutter zur Welt kam, hatte seit ihrer frühen Kindheit Klavier gespielt und bis zu acht Stunden täglich geübt, um es zur international erfolgreichen Solistin und Kammermusikerin zu bringen. Nach der Matura nahm sie den Mädchennamen der Mutter an, da dieser zu ihrer Vorliebe für slawische Komponisten passte. Wisniewska wurde 1997 in der Schweiz zur Musikerin des Jahres gewählt und erhielt in Venedig den Europäischen Kulturpreis. Und obwohl sie zum Zeitpunkt des Unfalls auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn war, begriff sie ihren Schicksalsschnitt schnell als Chance.

„Zuerst war das Malen mit der gesunden Hand nur Schmerzbewältigung, doch bald steigerte ich mich in einen richtigen Malrausch hinein“, erzählt Wisniewska. „Es war, als hätte jemand ein Ventil geöffnet. Während ich meine Person in der klassischen Musik stets zurücknehmen und mein Spiel in den Dienst des Komponisten und seines Werks stellen musste, hatte ich nun das Gefühl, endlich meine Kreativität fliessen lassen zu können.“

Bereits ein Jahr später wurde sie eingeladen, zu einer Ausstellung im Musée Abbatiale de Payerne unter dem Titel „Malerei und Musik“ zwei Bilder beizusteuern, die dort zwischen Werken von Kandinsky, Miró und anderen verstorbenen Meistern hingen. Dies und erste Einzelausstellungen am Menuhin Festival in Gstaad und in der Luzerner Galerie Fischer machten ihr Mut, sich weiter in die Malerei zu vertiefen. Nach ersten noch gegenständlichen und vielfarbigen Gemälden tendierte sie rasch in Richtung abstrakte und monochrome Bilder. „Beim Experimentieren mit verschiedenen Materialien kam ich auf den Quarzsand, den ich einfärbe, im Mörser vermahle und siebe, um ihn dann mit Farbe und Lacken in Form feiner Linien und Strukturen auf die Leinwand zu bringen“, erklärt sie.

Inspiration für die Bilder, die im Raum beruhigend wirken und starke Akzente setzen können, ist neben ihrer inneren Musik die traumhafte Aussicht auf den Limmatbogen und das Bäderquartier der Stadt Baden, die sie von ihrem Atelier aus geniesst. Der Raum ist Teil des geschmackvoll eingerichteten modernen Hauses, in dem sie mit ihrem Mann am Rande der Ennetbadener Rebberge wohnt.

„Jeden Tag, den ich in meinem Adlerhorst verbringe, bin ich für diesen Ausblick dankbar“, schwärmt die Wahl-Aargauerin. Eine andere Kraftquelle ist die Freizeit in der Ferienwohnung im Engadin, wo das Ehepaar gerne wandert, Wildtiere beobachtet und Wintersport treibt.

In den letzten Monaten sass Karina Wisniewska allerdings seltener als sonst im Zug nach Pontresina. Die Messe Kunst Zürich, die Veröffentlichung der Monografie Bewegte Stille – Silent Dynamism (Benteli Verlag) und die Vorbereitung einer Einzelausstellung in der renommierten Zürcher Anne Mosseri-Marlio Galerie nahmen viel Zeit in Anspruch. Die Medientermine, darunter auch eine Einladung zu Kurt Aeschbachers TV-Talk (im Februar) sind mittlerweile schon wieder ähnlich zahlreich wie zu ihrer Zeit als Pianistin.

Während unseres Besuchs klingeln ausserdem Spediteure, die Werke liefern, die zuletzt in Hongkong und Melbourne zu sehen waren. Sie müssen geprüft und durch neue Bilder ergänzt werden, sollen sie doch schon bald in Zuger und Basler Galerien sowie an den Kunstmessen von Basel und Berlin die Blicke auf sich ziehen.

In Bewegte Stille – Silent Dynamism (Benteli) finden Sie weitere Werke der Künstlerin.

DIE KUNSTWERKE WURDEN FOTOGRAFIERT VON STEFAN ALTENBURGER PHOTOGRAPHY, ZÜRICH

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