Auf den ersten Blick war es nur ein harmloser Unfall. Steve Cook stürzte über den Lenker seines Mountainbikes und landete auf dem Kopf. Er blieb bei Bewusstsein, stieg trotz der Nackenschmerzen wieder aufs Rad und fuhr weiter.

Der damals 34-jährige IT-Spezialist aus Sydney, Australien, meinte, er hätte sich einen Muskel gezerrt, und nahm ein paar Tage lang Schmerzmittel. Auch als sein Arm zu kribbeln begann, dachte er noch nicht daran, sich untersuchen zu lassen. „Ich gehe nicht so gern zum Arzt“, berichtet er.

Gut eine Woche später brachte er seinen drei Jahre alten Sohn zum Arzt, weil der sich den Ellenbogen verrenkt hatte. Erst bei dieser Gelegenheit entschloss sich Cook, den hartnäckigen Schmerz anzusprechen, den er immer noch verspürte.

Eine Röntgenaufnahme brachte die Wahrheit ans Licht: Steve Cook hatte sich das Genick gebrochen.

Tatsache ist, Männer nehmen medizinische Versorgung seltener in Anspruch als Frauen. Die einzigen Angehörigen medizinischer Berufsgruppen, zu denen Männer offenbar gern gehen, sind Physiotherapeuten, die Verletzungen nach Sport- oder Arbeitsunfällen behandeln.

Obwohl 90 Prozent aller Männer über 40 einmal pro Jahr einen Hausarzt aufsuchen, fallen diese Besuche kürzer aus als bei Frauen. Es geht dabei in der Regel um rasche Abhilfe bei lästigen Beschwerden und seltener um Vorsorgemassnahmen, die Ärzte gern durchführen würden. Vielleicht erkranken Männer deshalb häufiger an schweren Krankheiten als Frauen.

„Werden sie auf das Thema Prävention angesprochen, fühlen sie sich sehr oft mit Dingen belästigt, über die sie lieber nicht reden möchten – sie wollen, dass ihr Problem gelöst wird“, meint Dr. Elizabeth Harris, praktische Ärztin in einer Familienpraxis in Berowra, Australien.

„Sobald ich über andere Dinge spreche“, sagt die Ärztin, „ob sie zum Beispiel weitere Beschwerden haben, oder ich ihnen eine Vorsorgeuntersuchung vorschlage, habe ich den Eindruck, sie wollen so schnell wie möglich weg.“

Erhebungen bei Allgemeinmedizinern haben gezeigt, dass viele Männer Arztbesuche aus praktischen Gründen meiden – weil a) sich die Sprechstunden mit ihrer Arbeitszeit überschneiden; b) sie keine Lust haben, lange im Wartezimmer zu sitzen; c) die Praxis schlecht zu erreichen ist oder d) nur monatealte Frauenzeitschriften im Wartezimmer liegen.

Doch es könnte auch persönliche Gründe geben. Ein Arztbesuch ist ein Zeichen von Schwäche und macht vielleicht sogar Angst.

„Männer geben nicht gern zu, dass sie ein Problem haben“, weiss Garry Egger, Professor für Lifestyle-Medizin an der Southern-Cross-Universität in Sydney. Er hat mit vielen Männern gearbeitet und das „GutBusters-Programm“ entwickelt, um Männer zum Abnehmen zu animieren. Bis heute berät er Männer mit Gewichtsproblemen. Obwohl dieses Abnehm-Programm für Männer erfolgreich war, musste es eingestellt werden, weil sich zu wenig Interessenten meldeten.

„Die Männer blieben einfach weg. Als ich das Programm ins Leben rief, genossen wir viel öffentliche Aufmerksamkeit, doch nach einigen Jahren wurde es schwer, weitere Männer zu mobilisieren“, erzählt er.

„Männer glauben, sie müssten stark sein und sich damit abfinden, wenn sie sich einmal nicht wohlfühlen. Mit Sportverletzungen gehen sie zum Arzt, doch andere Beschwerden legen sie als Schwäche aus.“

Dieses Machoverhalten war der Hauptgrund, weshalb Cory Bernardi mehrere Jahre nicht zum Arzt ging, nachdem er mit Anfang 20 an Husten erkrankt war. Bernardi war immer gesund gewesen und hatte dem australischen Ruderteam angehört. Seinen hartnäckigen Husten schrieb er der harten Arbeit und seinem ungesunden Lebensstil zu – den wollte er sich vom Arzt nicht verbieten lassen.

„Als sich mein Zustand verschlimmerte, fürchtete ich, es könnte etwas Ernstes sein, steckte jedoch den Kopf in den Sand. Wozu sollte ich mir sagen lassen, dass ich Krebs habe? Ich führte eine Kneipe. Klar war ich müde. Ich versuchte einfach, mich mit ein paar Gläsern Bier aufzumuntern.“

Seine Mutter drängte ihn so lange, bis er zum Hausarzt ging, doch der stellte eine falsche Diagnose. Erst 1995 – als er mit 25 Jahren Blut spuckte – sprach er nach einem Fussballspiel mit einem befreundeten Arzt und liess sich überreden, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Es stellte sich heraus, dass Bernardi seit Jahren unter Tuberkulose litt. Er musste ins Spital und blieb dort zwölf Wochen lang isoliert. Dann verbrachte er noch weitere sechs Monate in Quarantäne.

Heute ist Bernardi Senator für Südaustralien. Als Vorsitzender des Senatsausschusses für Männergesundheit hat er der Regierung einen Bericht vorgelegt. Er möchte eine Strategie für eine nationale Männergesundheitspolitik einführen. Zu den Empfehlungen des Ausschusses gehören jährliche Kontrolluntersuchungen für Männer, spezielle, auf Männergesundheit ausgerichtete Schulungen für Krankenpfleger, mehr Geld für die Prostatakrebsforschung. Auch soll bei Jungen das Verantwortungsgefühl für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden gefördert werden.

„Wir haben als Nation viel geleistet bei der Aufklärung von Kindern über das Rauchen, wir haben die Bevölkerung für Hautkrebs sowie für eine Reihe frauenspezifischer Gesundheitsfragen sensibilisiert, doch gesundheitliche Probleme von Männern – die oftmals vermeidbar und behandelbar sind – geniessen keine solche Aufmerksamkeit“, meint Bernardi. „Männer sollten den Gang zum Arzt nicht mehr als Schwäche betrachten.“

Männer sind für medizinische Informationen durchaus empfänglich – wenn sie richtig angesprochen werden. Auf kleine Gruppen ausgerichtete Programme, die eine Sprache verwenden, mit der sich Männer identifizieren können, sind oftmals erfolgreich. So wurden in ländlichen Gegenden Gesundheitschecks nach dem Vorbild von Autoinspektionen von Männern besser angenommen, weil sie sich darunter etwas vorstellen konnten.

„Wenn Sie eine Party geben und keiner geht hin – sind dann wirklich die Gäste schuld?“, fragt Michael Woods, Leiter des Informations- und Ressourcezentrums für Männergesundheit an der Universität von Western Sydney. „Die Werbetrommel wurde nicht ausreichend gerührt, wie die Medizin den Männern helfen kann.“

Frauen wachsen durch Schwangerschaften, Kinderbetreuung und Menopause ins Gesundheitswesen hinein. Für sie ist es normal, regelmässig zum Arzt zu gehen.

Um Männer zur Entwicklung ähnlicher Gewohnheiten anzuregen, bleiben manche Kliniken abends länger offen oder bieten am Wochenende Sprechzeiten an, legen im Wartezimmer mehr Männermagazine aus und erinnern per SMS an Termine. Viele Ärzte wissen, dass man Chancen ergreifen muss, wenn sie sich bieten: etwa wenn ein Mann aus einem anderen Grund in die Praxis kommt. Manchmal kann es Leben retten, eine solche Gelegenheit zu nutzen, um einen männlichen Patienten zu untersuchen.

Jim Lloyd gibt zu, dass er mit Arztterminen nachlässig umging. Weil er 2002 in die Türkei reisen wollte, ging er zu seinem Hausarzt, um sich impfen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit nahm Jims Arzt routinemässig Blut ab, prüfte den Blutdruck und den Cholesterinspiegel. Ausserdem empfahl er eine Kontrolle des PSA-Werts (ein Bluttest auf Prostatakrebs). Jim hatte einen erhöhten PSA-Wert und sollte diesen drei Monate später erneut prüfen lassen.

„Ich wollte den Termin schon absagen – doch zum Glück tat ich das nicht“, meint Jim, der damals 48 war. Als ein zweiter PSA-Test noch höhere Werte auswies, wurde Jim an einen Urologen überwiesen. Er hatte Prostatakrebs im Frühstadium.

Heute, acht Jahre später, ist Jim wieder ganz gesund. „Wäre der Krebs bei diesem Test damals nicht erkannt worden”, sagt er, “wäre ich heute vielleicht nicht mehr am Leben.“

 

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